Pharmazie und Politik – Wechselwirkungen

Programm des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VDPP) vom 21. Juni 2009.

II. 7. Standespolitik EinleitungInhaltsübersicht2. Geschichte der Pharmazie

II. Pharmazie und Gesellschaft


1. Gesundheitspolitik

 

Gesundheit ist ohne Politik nicht machbar. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung wird durch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen wesentlich beeinflusst. Gesundheit ist mehr als nur der Erhalt der Arbeitsfähigkeit oder die Abwesenheit von Krankheit. Sie schließt neben dem physischen immer auch das psychische und soziale Wohlbefinden ein. Darum sind gute Bildung, ein sicherer Arbeitsplatz, ein ausreichendes Einkommen und befriedigende Wohnbedingungen wesentliche Voraussetzungen für den Erhalt und die Förderung von Gesundheit.

 

Über ein Jahrhundert garantierte die gesetzliche Krankenversicherung eine ausreichende gesundheitliche Versorgung für alle ihre Mitglieder unabhängig von der Höhe ihrer Beitragszahlungen. Auf der Basis des Solidarprinzips wurden die für eine angemessene Versorgung erforderlichen Leistungen zur Verfügung gestellt.

 

Wir stellen fest, dass Zuzahlungen, Leistungsabbau, Praxisgebühr und die Ausweitung privater Zusatzversicherungen die Prinzipien der solidarischen und paritätischen Beitragserhebung in den letzten Jahren schrittweise immer stärker ausgehöhlt haben. Hier liegen auch die wesentlichen Ursachen dafür, dass finanziell benachteiligte gesellschaftliche Gruppen, wie Alleinerziehende, NiedriglohnempfängerInnen, Hartz-IV-Betroffene, von Altersarmut bedrohte Menschen und MigrantInnen, nachweislich immer seltener rechtzeitig medizinische und therapeutische Hilfen in Anspruch nehmen, obgleich sie ihnen als gesetzlich Versicherte zustehen. Der 2004 erfolgte Wegfall einer Härtefallregelung für Menschen mit geringen Einkommen hat diese Entwicklung noch beschleunigt.

 

Arme Menschen erkranken früher, häufiger, länger und sind darum besonders auf die solidarische und zuzahlungsfreie gesundheitliche Versorgung angewiesen. Darum setzen wir uns für die Einführung einer solidarischen Bürgerversicherung ein, in der alle BundesbürgerInnen pflichtversichert sein müssen. Die bestehenden Beitrags- und Versicherungspflichtgrenzen sind abzuschaffen und alle Einkommensarten der Versicherten in die Beitragserhebung einzubeziehen. Wir unterstützen bestehende Bemühungen, alle Unternehmen entsprechend ihrer Produktivitätsentwicklung stärker an der Beitragsfinanzierung zu beteiligen. Die private Krankenversicherung soll dann nur noch zuständig sein für den Abschluss privater Zusatzversicherungen für Dienstleistungen und Produkte, die von der GKV nicht angeboten werden.

 

Da rezeptfreie Arzneimittel grundsätzlich nicht mehr von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden und bei einem Arztbesuch die Praxisgebühr fällig wird, wählen immer mehr Menschen gerade mit geringem Einkommen den Weg der Selbstbehandlung mit Arzneimittel. Auch die erheblichen Zuzahlungen auf verordnete Rezepte führen viele oftmals statt in die Arztpraxis in die Apotheke.


Damit obliegt den Apotheken und ihren Beschäftigten eine wichtige Steuerungsfunktion bei der Information, Beratung und der Abgabe von Arzneimittel. Die hierfür erforderliche soziale Kompetenz muss erlernt werden, für kommende Generationen im Fach Sozialpharmazie. Der verbreitete Vielgebrauch und Missbrauch bei der Selbstmedikation hat seine Ursachen vielfach in der Hoffnung der VerbraucherInnen, ihre persönlichen sozialen und psychischen Probleme durch den Erwerb von Arzneimitteln zu lösen. Hier muss für die Verantwortlichen in der Apotheke ausreichend Wissen vermittelt und Handlungsspielraum geschaffen werden, um erste Hilfestellungen leisten zu können.


Auch auf dem Feld der Gesundheitsförderung und Prävention müssen die Apotheken deutlicher als bisher ihren Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung leisten.

 

Liberalisierung und Deregulierung haben zudem den Arzneimittelmarkt in den letzten Jahren verändert und den Verbraucherschutz ausgehöhlt. Das zeigt sich z. B. in folgenden Punkten:

  • Immer mehr Wirkstoffe werden aus der Verschreibungspflicht entlassen.
  • Der Arzneimittelbegriff wird von der EU-Gesetzgebung und der Rechtsprechung immer enger ausgelegt, sodass viele Wirkstoffe heute nicht mehr nur in Arzneimitteln, sondern auch in anderen Produktgruppen, wie Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetika, Medizinprodukten, Functional Food und Diätetika, vermarktet werden. Die Behörden können den Markt nicht mehr überwachen, auch weil ihnen die personellen und finanziellen Ressourcen fehlen.
  • Neue Vertriebsformen vermitteln den VerbraucherInnen, dass Arzneimittel keiner besonderen Beratung bedürfen, sondern überall verfügbar sind.

Da die Leistungsanforderungen an die Menschen größer geworden sind und die Werbung für arzneimittelähnliche Produkte suggeriert, dass die Anforderungen mit diesen Produkten gemeistert werden könnten, besteht die Gefahr der weiteren Medikalisierung der Gesellschaft. Risiken der Produkte werden von der Bevölkerung nicht mehr wahrgenommen. Andere, nicht produktbezogene Lösungsansätze verlieren an Bedeutung. Arzneimittel sollen von der Gesellschaft als das wahrgenommen werden, was sie sind: risikobehaftete und daher erklärungsbedürftige Mittel zur Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten sowie zur Linderung von Beschwerden.

 

Deshalb fordern wir:

  • keine weitere Deregulierung im Arzneimittelmarkt, die zu einer weiteren Verharmlosung der Arzneimittel führt
  • den Ausbau der anbieterunabhängigen Information für Verbraucher und Angehörige der Gesundheitsberufe über Arzneimittel.

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

17. August, Hamburg

VdPP-Regionalgruppe um 19.30 Uhr in Hamburg

 

11. September, Berlin

VdPP-Regionalgruppe um 19.30 Uhr in Schöneberg

 

15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

https://www.mezis.de/events/10-jahre-mezis-internationales-no-free-lunch-treffen/