Pharmazie und Politik – Wechselwirkungen

Programm des Vereins demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VDPP) vom 21. Juni 2009.

2. Geschichte der Pharmazie EinleitungInhaltsübersicht4. Frieden und Gesundheit

II. Pharmazie und Gesellschaft


3. Globale Arzneimittelversorgung und geistiges Eigentum

 

Wir unterstützen die Anwendung der „WHO Model List of Essential Medicines“. Die meisten dieser aufgeführten essentiellen Arzneimittel können kostengünstig als Generika für die Weltbevölkerung zur Verfügung gestellt werden.


Problematisch zeigt sich der Zugang zu den patentgeschützten Arzneimitteln. Als De-facto-Monopole sorgen Patente dafür, dass selbst lebensnotwendige Medikamente unerschwinglich teuer sind (Aids) oder gar nicht erst entwickelt werden (Tuberkulose, Dengue-Fieber, Chagas- und Schlafkrankheit).

 

Der globale Patentschutz wurde 1994 im Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum (Agreement on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights - TRIPS) festgeschrieben. TRIPS als Teil des Welthandelsabkommens musste bis 2005 von allen Ländern (außer den 49 ärmsten), die am Welthandel teilnehmen wollen, in die nationale Patentgesetzgebung umgesetzt werden. TRIPS steht für eine „Rekolonialisierung“, denn über 90 % aller Patente befinden sich in den Industriestaaten. Wir unterstützen die Nutzung der Schutzklauseln des TRIPS. Zwangslizenzen stellen solch einen Schutz dar und können bei Bedrohung der öffentlichen Gesundheit auf patentierte Arzneimittel erteilt werden. Den Druck, den Pharmakonzerne und Regierungen auf Entwicklungs- und Schwellenländer ausüben, welche diese Möglichkeit nutzen, verurteilen wir. Die Anwendung von Zwangslizenzen darf nicht sanktioniert werden.

 

Mit der Durchsetzung der Patente und deren Ausweitung auf 20 Jahre wird ein weiteres Problem offensichtlich – Innovationen in der Arzneimittelforschung selbst werden gehemmt. Die Patente behindern freie Informationen und offenen Datenaustausch von Ergebnissen für die weitere Forschung. Im Mai 2006 wurde von der WHO eine Arbeitsgruppe beauftragt, ein Konzept der Forschungsförderung für Arzneimittel für vernachlässigte Krankheiten zu entwickeln. Wir unterstützen das Strategiedokument der Arbeitsgruppe (Intergovernmental Working Group on Public Health, Innovation and Intellectual Property - IGWG) vom Mai 2008. Es begreift die Arzneimittelentwicklung und -versorgung als globale Aufgabe und erkennt das Versagen der patentbasierten Forschungsförderung.

 

Wir unterstützen die Arbeit der Organisationen Ärzte ohne Grenzen, BUKO-Pharmakampagne, Health Action International und medico international und deren Forderung nach neuen Finanzierungsmodellen für die Forschung.

Wir unterstützen ebenfalls das Konzept des „equitable licencing“, welches den Technologietransfer von öffentlichen Einrichtungen an kommerzielle Unternehmen an soziale Bedingungen knüpft, sodass die Arzneimittelversorgung in den Entwicklungsländern gesichert werden kann.

 

Wir sehen mit Besorgnis die Abhängigkeit der Forschung von Drittmitteln und protestieren gegen intransparente Kooperationsverträge zwischen öffentlichen Bildungseinrichtungen und der Industrie. Wir sehen die an den Bedürfnissen des Gemeinwohls orientierte öffentliche Grundlagenforschung durch solche, auf kommerzielle Kriterien ausgerichtete Verträge akut gefährdet.

 

Im Zuge der Globalisierung werden auch klinische Studien in Entwicklungs- und Schwellenländer verlegt. Wir kritisieren diese Verlagerung, die auf Kosten der StudienteilnehmerInnen geht. Die Einhaltung der ethischen Standards vor Ort wird durch die Gesundheitsbehörden üblicherweise zu wenig überprüft. Die mangelnde Transparenz in Durchführung und Qualität der Forschung nutzt die Pharmaindustrie für ihre Zwecke. Aus ethnischen Gründen steht zudem die Übertragung der Ergebnisse auf PatientInnen in den Industrieländern infrage. Deshalb fordern wir die Einrichtung eines öffentlich finanzierten Studienregisters, wie es schon seit Jahren in den USA existiert. Dies wäre ein erster Schritt in Richtung Offenlegung aller Ergebnisse klinischer Studien. Längerfristig streben wir jedoch die öffentlich finanzierte Durchführung von klinischen Studien an. Denn nur so kann ein Interessenkonflikt vermieden werden und eine objektive Beurteilung für den therapeutischen Nutzen erfolgen.

 

Wir unterstützen insbesondere die Arbeit von „Apotheker ohne Grenzen“. Wir lehnen die ungeplante Sammlung von Arzneimitteln für Krisengebiete ab, da durch Kommunikationsdefizite, Unbrauchbarkeit, fehlende Entsorgungskapazitäten und Rücksendungsmöglichkeiten vor Ort mehr Schaden als Nutzen gestiftet wird. Wir bevorzugen Geld- gegenüber Materialspenden. Diese ermöglichen es, die im Empfängerland benötigten Arzneimittel auf dem Weltmarkt günstig einzukaufen. Sollten Materialspenden zur kurzfristigen Bedarfsdeckung unumgänglich sein, sollen sie gemäß den WHO-Richtlinien für Arzneimittelspenden organisiert und durchgeführt werden.

 

Ein weiteres Feld, das der Aufmerksamkeit bedarf, ist der Arzneimittelexport. Der Arzneimittelexport gerade auch deutscher Pharmakonzerne für die Dritte Welt besteht auch aus irrationalen Arzneimitteln. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die unsinnig zusammengesetzt, falsch dosiert, ohne positive Nutzen-Risiko-Bewertung, überteuert oder am Bedarf der Bevölkerung vorbei angeboten werden. Es werden sogar Arzneimittel in die Dritte Welt exportiert, die in dieser Form im Herkunftsland nichtverkehrsfähig sind. Warnhinweise, z. B. zu Kontraindikationen, werden unterschlagen, neue Indikationen dazu erfunden.

 

Offensichtlich werden die unzureichenden Kontrollmöglichkeiten der Entwicklungs- und Schwellenländer von der Pharmaindustrie immer noch ausgenutzt. Um den Export irrationaler Arzneimittel aus Deutschland einzudämmen, fordern wir:

  • eine wirksame Exportkontrolle
  • Arzneimittel, die vom Hersteller „freiwillig" vom Inlandsmarkt genommen werden, um den Verlust der Zulassung zu vermeiden, dürfen auch nicht mehr exportiert werden
  • Arzneimittel müssen auch dann ein reguläres Zulassungsverfahren durchlaufen, wenn sie nicht für den Inlandsmarkt, sondern ausschließlich für den Export bestimmt sind.

Deutsche Pharmakonzerne exportieren aber nicht nur, sondern produzieren in diesen Ländern auch irrationale Arzneimittel. Dies verurteilen wir.

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

16. Oktober, Berlin

Regionalgruppentreffen

um 19.30h in Schöneberg

 

9. November, Berlin

VdPP-Herbstseminar

 

"Apotheke der Zukunft - wohin soll es gehen? Über neue Wege der Honorierung"

 

Anmeldung zum Seminar:

 

http://www.vdpp.de/termine/herbstseminar-2017/