Nachgerechnet – ApothekerInnen als Gewinner der Gesundheitsreform?

von Jürgen Große

 

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein Fernsehmagazin oder eine Zeitung sich über Milliarden-Rabatte der Apotheken, überhöhte Zuschläge oder überzählige milliardenteure Apotheken ausließe. Und selbst den Apothekerinnen und Apothekern wohlgesonnenere Stimmen zweifeln kaum daran, dass die eigentlichen Gewinner der Gesundheitsreform die Apotheken seien. Wir glauben es selbst schon fast.

 

Aber es stimmt doch …

 

Der im Allgemeinen durchaus lesenswerte Arzneiverordnungsreport 2005 scheint es eindeutig zu belegen (S. 217f):

 

Arzneimitteldistribution

Auf seinem Weg vom Hersteller bis zum Patienten steigt der Preis eines Arzneimittels nahezu um die Hälfte. In internationalen Verglei­chen wird deutlich, daß die Distributionskosten für Arzneimittel in Deutschland höher liegen als in anderen europäischen Ländern (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen 1998a, BASYS 2002, Santésuisse 2005, vgl. auch Nink und Schröder 2004b). Durch die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung, die geänderten Regelun­gen der gesetzlichen Abschläge sowie die Änderung des Warenkorbs durch die weitgehende OTC-Ausgrenzung hat sich die Verteilung der Umsatzanteile in den einzelnen Distributionsstufen gegenüber dem Vorjahr verschoben. Von 100 € GKV-Fertigarzneimittelumsatz des Jah­res 2004 entfallen auf die Hersteller 53,60 €, die Distribution 20,80 €, die Mehrwertsteuer 13,80 € und die gesetzlichen Abschläge 11,80 € (Abbildung 4.10).

 

Lag der Anteil der Apotheken im Jahr 2003 ohne gesetzliche Ab­schläge noch bei 14,3 %, hat er im Jahr 2004 einen Wert von 16,7 % erreicht. Damit profitieren die Apotheken von den gesetzlichen Ände­rungen des GMG. Trotz deutlich gesunkener Verordnungen und Umsätze hat der Nettoumsatz [gemeint ist wohl der Rohgewinn, JG] in den Apotheken (ohne gesetzliche Abschläge und Steuern) im Jahr 2004 um rund 170 Mio. € gegenüber dem Vorjahr zugenommen und liegt nun bei rund 3,6 Mrd. €. Damit zählen die Apotheken eindeutig zu den Gewinnern des GMG. Die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung hat zwar den Umsatz der Apotheken von steigenden Preisen bzw. der Verordnungsverschiebung zu teureren Präparaten abgekoppelt, schafft aber gleichzeitig auch Unabhängigkeit von Preisänderungen wie etwa Preissenkungen im Festbetragsmarkt.”

 

Nach den Zahlen der ABDA ist der Rohgewinn der Apotheken im GKV-Markt zwar von 3,95 Mrd. Euro im Jahre 2003 auf 3,62 Mrd. Euro im Jahre 2004 gesunken, doch scheint diese Abweichung im Wesentlichen mit der Berücksichtigung bzw. Nichtberücksichtigung des GKV-Rabatts erklärbar zu sein.

 

Darauf, dass auch die Zahlen des Arzneiverordnungsreports für die Apotheken gegenüber dem Jahr 2002 (vor dem Arzneiausgabenbegrenzungsgesetz) einen deutlichen Rückgang auswiesen, will ich gar nicht näher eingehen. Haben wir aber nun tatsächlich an GKV-Arzneimitteln im Jahre 2004 170 Mio. Euro mehr verdient als 2003?

 

Es wird nicht verschwiegen, dass der Großhandelsaufschlag mit dem GMG praktisch halbiert worden ist. Laut ABDA-Zahlen ging sein nomineller Anteil am GKV-Markt von 2003 1,52 Mrd. auf 2004 0,86 Mrd. Euro zurück.

 

Nun wundert sich aber niemand darüber, dass dieser Rückgang weder zu Großhandelspleiten noch zu Massenentlassungen geführt hat. Woran mag das liegen?

 

Wer eine Großhandelsrechnung aus dem Jahre 2004 mit einer des Vorjahres vergleicht, kennt die Antwort: Die Rabatte an die Apotheken sind – jedenfalls was rezeptpflichtige Arzneimittel betrifft – praktisch völlig verschwunden. Gab es vor dem GMG auch für diese Rabatte von 6 oder 7 % an aufwärts, so gibt es jetzt – außer vielleicht für wenige Generika – überhaupt nichts mehr.

 

Die Apotheken hatten also im Jahre 2003 nicht nur ihren (nach AMPVO) Anteil von 3,43 Mrd. Euro (so der errechnete Betrag laut Arzneiverordnungsreport) an den GKV-Ausgaben gehabt, sondern zusätzlich noch rund 600 – 700 Mio. Euro, die ihnen der Großhandel als Rabatt eingeräumt hatte.

 

Dieser ist praktisch verschwunden, sodass sich unter dem Strich statt eines Zuwachses von 170 Mio. Euro ein Rückgang um mindestens 400 Mio. Euro ergab.

Dieser Rückgang konnte auch durch die geringen Zuwächse im OTC-Markt bei weitem nicht kompensiert werden. Insgesamt belegen die Zahlen eindeutig, dass von 2003 auf 2004 der Umsatz (33,60 Mrd. > 32,50 Mrd. Euro), die Handelsspanne (28,4 % > 28,2 %), der Rohgewinn (9,54 Mrd. > 9,17 Mrd. Euro) und der Gewinn vor Steuern (2,25 Mrd. > 2,08 Mrd.) der Apotheken gesunken sind (alle Zahlen ohne Mehrwertsteuer).

 

Aber selbst die ABDA sagt …

 

In der Tat: Auch die von der ABDA vorgelegten Zahlen belegen, dass der Gewinn vor Steuern einer so genannten typischen Apotheke von ca. 78.000 Euro (2003) auf 81.000 Euro (2004) gestiegen ist. Hier handelt es sich aber um ein statistisches Artefakt, denn die „typische Apotheke” ist die Apotheke im Median, d. h. die Apotheke, die genau so viele Apotheken im Umsatz über sich wie unter sich hat.

 

Die Umsatzverteilung der Apotheken ist nun so geartet, dass die „typische Apotheke” einen Umsatz deutlich unter dem Durchschnittsumsatz (Mittelwert, also Gesamtumsatz dividiert durch Anzahl) hat.

 

Nun sind aber umsatzstarke Apotheken in der Tendenz auch eher Apotheken mit durchschnittlich ein wenig teureren Arzneimitteln, während auf der anderen Seite umsatzschwache Apotheken tendenziell einen höheren Anteil billigerer Arzneimittel haben.

 

Die Einführung der Fixaufschläge hat folglich tendenziell kleinere Apotheken begünstigt und größere benachteiligt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Während es also der Gesamtheit aller Apotheken 2004 schlechter ging, haben Verschiebungen innerhalb der Apothekenlandschaft den Median näher an den gesunkenen Durchschnitt geführt.

 

Für die Gesellschaft insgesamt sind aber letztlich nur die Gesamtzahlen von Bedeutung, und insgesamt sind in den Apotheken im Jahre 2004 rund 370 Mio. Euro weniger an Rohgewinn „hängen geblieben”. Je Apotheke ergab dies also ein Rückgang um rund 17.000 Euro, der nur rund zur Hälfte durch Einsparungen bei den Ausgaben (also leider zu einem nicht unerheblichen Teil an den angestellten Kolleginnen und Kollegen) kompensiert werden konnte.

 

Aber 2005 war doch wirklich …

 

Dass von den Ausgabenzuwächsen des Jahres 2005 auch den Apotheken ein gewisser Anteil verblieben ist, lässt sich schwer bestreiten, wenn es auch unseriös wäre, heute schon genauere Zahlen zu nennen. (Ich wage dennoch die Wette, dass die GKV-Arzneimittelausgaben nicht um die gelegentlich kolportierten 18 % gestiegen sein werden, sondern dass der Zuwachs eher deutlich unter 15 % bleiben wird.)

 

Soweit dieser Zuwachs aber z. B. auf neue teurere Arzneimittel oder auf Preiserhöhungen (Preis- und Strukturkomponente) zurückgeht, haben die Apotheken nichts davon, ihr Anteil steigt lediglich mit der Mengenkomponente an.

 

Wenn sich auch der Rückgang von Rohgewinnen und Betriebsergebnissen 2005 nicht fortgesetzt haben wird, so bleibt der vergleichsweise bescheidene Zuwachs für die Apotheken doch geringer als er es nach den alten Preisbildungsregeln gewesen wäre, bei denen die Apotheken ja – trotz regressiver Spanne – auch von höheren Preisen profitiert hätten.

 

Von einem Gewinn durch die Gesundheitsreform kann auch 2005 nicht ernsthaft gesprochen werden.

 

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Vertretung der ökonomischen Interessen von Apothekenleiterinnen und -leitern kann nicht Aufgabe des VDPP sein, dafür gibt es die Apothekerverbände und den DAV, die dies legitimerweise tun. Aber auch wir sind als Einzelne und als Verein an gesundheitspolitischen und an gesundheitsökonomischen Diskussionen beteiligt und sollten dort immer für eine ehrliche Sicht der Dinge streiten. Dazu gehört es dann aber auch, rechnerisch einfach falsche Behauptungen richtig zu stellen.

 

Natürlich sehen wir täglich in unserer Arbeit Patientinnen und Patienten, denen es ökonomisch deutlich schlechter geht, als der durchschnittlichen oder „typischen” selbständigen Apothekerin. Und wir erfahren es selbst oder sehen es zumindest, dass ein nicht kleiner Teil der Belastungen für die Apotheken von den Angestellten in den Apotheken getragen wird, oder von denen, die dies einmal waren und jetzt arbeitslos sind.

 

Reißerischen Medienkampagnen und fragwürdigen Zahlen sollte man gleichwohl immer entgegentreten.

 

 

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24.-25. Juni 2017, Wernigerode

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World Café am Samstag, 24.06 von 14-17.30 Uhr

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15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

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