Vom Wunschbild zur Wirklichkeit

17 Jahre ERFA-Gruppe im VdPP

Seit 1996 gibt es im VdPP eine kleine, eigenständige Gruppe von selbstständigen Apotheker_innen, die sich vorgenommen haben, die Grundsätze des VdPP in ihren Apotheken in die Tat umzusetzen. Im Mai 2013 wird die ERFA-Gruppe 17 Jahre alt. Ein Bericht über ERFAhrungen, patientenorientierte Arzneimittelversorgung im Apothekenalltag zu realisieren.

 

März 2013

 

Kann eine Apotheke, die entsprechend unseren Ideen geführt wird, im Konkurrenzkampf überleben, und könnte sich aus unserer Zusammenarbeit sogar ein verändertes Besitzmodell entwickeln?  Vorbilder in anderen europäischen Ländern waren für uns z. B. die „sozialen Apotheken“ in den Niederlanden, die wir bei einem Besuch im Frühjahr 1994 kennengelernt hatten.

 

Viele KollegInnen hatten sich damals für das Thema interessiert. So entstand im Juli 1994 nach vielen Diskussionen und einigen Seminaren das Netzwerk der Apotheken im VdPP. Am Netzwerk waren mehr als 30 Kolleg_innen beteiligt. Sie entwickelten mit viel Engagement eine Selbstverpflichtungserklärung für alle Apotheken im VdPP. Die Selbstverpflichtungserklärung der Apotheken im VdPP ist nachzulesen im VdPP-Rundbrief Nr. 30/1995 und auf der Homepage des VdPP.

 

Aber Papier ist bekanntlich geduldig. Es war uns allen klar, dass die Umsetzung dieser Erklärung in den einzelnen Apotheken nicht einfach sein würde. Abgesehen von organisatorischen Problemen stand vorrangig die Frage im Raum: Ist eine Apotheke mit diesem Leitbild überhaupt wettbewerbsfähig, oder führt diese Verpflichtung am Ende in ein finanzielles Desaster?

Kurzum, wir beschlossen die Probe aufs Exempel zu wagen und zusammen mit gleichgesinnten Apotheken Stück für Stück unsere Vorstellungen einer Apotheke im Sinne des VdPP umzusetzen. ERFAhrungsaustausch war gefragt.

 

11 Apotheken hatten Interesse an diesem „Freilandversuch“. Um eine unverbindliche Quasselrunde zu vermeiden, suchten wir für die erste Zeit eine professionelle Begleitung. Unsere Wahl fiel auf Rainer Menzel und Heinz Eickmeier, Organisationsberater und Moderatoren. Beide hatten bereits ERFAhrung mit Betrieben in sozialen Bereichen. Die Kosten dafür haben wir selber getragen. Zusätzlich war Michael Höckel als Vertreter vom VdPP die ersten Male dabei und berichtete jeweils im Rundbrief über unsere Arbeit.

 

Nach einem ersten Vorgespräch im Februar 1996 trafen wir uns am 18./19. Mai 1996 in Riedstadt zu unserem ersten Arbeitstreffen. Wir erarbeiteten eine Satzung und diskutierten ausgiebig, wie die Selbstverpflichtung in unserer täglichen Arbeit umgesetzt werden könnte bzw. bereits umgesetzt wird. Es ergab sich eine große Themensammlung, die bei den nächsten Treffen zu bearbeiten war. Ab 1996 trafen wir uns nun regelmäßig einmal im Jahr für ein langes Wochenende in jeweils einer teilnehmenden Apotheke.

 

Eine kleine Auswahl der Themen, die uns an diesen Wochenenden beschäftigten: betriebswirtschaftliche Fragen, Betriebsvergleiche, gemeinsamer Einkauf, Großhandel, Mitarbeiterführung, Motivation, „Wie viel Chef In braucht ein/e MitarbeiterIn?“, „Sind Netzwerke möglich?“, „Sollten wir eine Zertifizierung anstreben?“ u. v. a.

 

Bei jedem Treffen wurde außerdem die jeweilige Apotheke genauestens unter die Lupe genommen und nach den Kriterien der Selbstverpflichtungserklärung beurteilt. Wir gingen dabei nicht gerade zimperlich vor. Das war für uns alle sehr hilfreich. Beschwingt machten wir uns dann auf den Heimweg. Es lag zwar ein Berg von Arbeit vor uns, aber gleichzeitig war es ein gutes Gefühl zu wissen, dass es auch noch gleichgesinnte KollegInnen mit ähnlichen Problemen gibt.

 

In den folgenden Treffen ging es zunächst um betriebswirtschaftliche Themen, Großhandelsbeziehungen, Strukturen der einzelnen Apotheken und um Modelle der Zusammenarbeit der ERFA-Apotheken. Wir alle befürchteten Umsatzverluste, wenn wir streng nach unserer Selbstverpflichtung arbeiten würden. Wir dachten an einen gemeinsamen Einkauf bei Großhandel oder Firmen und an eine Kooperation von VdPP-Apotheken unter einem gemeinsamen Logo.

 

Wir diskutierten lange, ob wir uns gegenseitig finanziell unterstützen könnten. Die Jahresumsätze klafften sehr weit auseinander, naturgemäß die Gewinne ebenfalls. Die teilnehmenden Apotheken hatten sehr unterschiedliche Strukturen, verschiedene, oft wechselnde Großhandelspartner, verschiedene Apothekensoftware und vieles mehr. Es erschien uns unmöglich, hier einen Ausgleich zu schaffen. Letztlich war keiner von uns bereit sich auf ein derartiges Abenteuer einzulassen. Die Idee eines finanziellen Zusammenhalts war damit gestorben.

 

Für eine Kooperative waren wir zu wenige. Die Chance, noch mehr Interessierte zu finden, war gleich null. Es war uns aber wichtig zu beweisen, dass eine Apotheke, die der Selbstverpflichtung entsprechend geführt wird, nicht dem Untergang geweiht ist. Wir beschlossen deshalb weiterhin die betriebswirtschaftlichen Daten zu beobachten und zu vergleichen.

 

Der Kernbereich einer normalen Apotheke ist der Handverkaufstisch oder genauer gesagt: die Abgabe der Arzneimittel und die damit verbundene Beratung. Am HV-Tisch entscheidet sich, ob eine Apotheke Erfolg hat oder scheitert. Wie vermitteln wir das unserem Team?

 

Wir beschlossen zunächst die Erarbeitung von Beratungsbögen. Jede Apotheke hatte für das nächste Treffen ein Thema zu erarbeiten. Im Lauf der Zeit kamen dadurch einige Ordner zusammen. Die Sammlung der Arbeitsbögen haben wir an den VdPP weitergereicht.

 

Papier ist geduldig, s. o. Was nützt mir ein perfekter Arbeitsbogen, wenn ich nicht gelernt habe, meine PatientInnen auch zu erreichen. Wie steht es mit unserer Fähigkeit Kunden zu beraten? Und wie vermitteln wir unsere Vorstellung von einer gut geführten Apotheke unseren MitarbeiterInnen?

Qualitätsmanagement, Teamarbeit und MitarbeiterInnenschulung waren in den nächsten Jahren deshalb unsere Dauerthemen.

 

Ab 2000 fühlten wir uns stark genug und fähig auch ohne Moderatoren vernünftig weiterarbeiten zu können. Es entstand ein strukturierter Stammtisch, der sich zweimal im Jahr traf. Betriebswirtschaftliche Vergleiche spielten weiterhin eine große Rolle, ebenso wie Mitarbeitergespräche, Kundenberatung u. ä. Weitere Themen waren neue Krebstherapien, Salutogenese, Disease Management Programme, Me-too-Präparate, elektronisches Rezept, E-Commerce, Cave-Modul, Nahrungsergänzungsmittel und Honorar für Beratung.

Pharmazeutische Betreuung wurde immer wichtiger.

 

Das Thema Kommunikation war uns so wichtig, dass wir privat organisiert uns im Mai 2002 eine Woche Kommunikationstraining in entspannter Atmosphäre mit einer professionellen Betreuung leisteten. Die Betreuung unserer Kundinnen und Patientinnen hat anschließend noch mehr gemacht. Soweit irgend möglich, sollte ein solches Training, Mitarbeiterinnen natürlich mit einbezogen, regelmäßig wiederholt werden, damit nicht der Alltag wieder alles zunichte macht. Leider war das wiederum eine Kostenfrage für uns alle.

 

Jedes Treffen bot Zeit und Raum um alle Neuerungen und Probleme offen zu besprechen. Angestauten Frust konnten wir so bewältigen, und mit neuen Ideen im Kopf war es viel leichter wieder in den Alltag unserer Apotheken zurückzukehren, mit dem festen Vorsatz nicht klein beizugeben sondern vielmehr unsere Selbstverpflichtung umzusetzen.

 

Die Treffen haben uns motiviert, weiterzumachen und mit viel Elan und Kreativität die Probleme anzupacken. Die Realität hat uns trotzdem zeitweise und immer wieder den Spaß an unserer Arbeit verdorben mit Themen wie Ulla Schmidts Sparprogramm, Festbetragsregelung, Re-Importe, aut-idem, BEK Modell, Hausarztmodell, Heimbelieferung, negatives Image der Apotheken, Versandhandelsproblematik, Apothekenketten, DocMorris-Apotheken, Kooperationen, Filialapotheken, Datenschutz, Pseudocustomer, Retaxationen u. v. a.

 

Mit Genugtuung konnten wir aber bald feststellen, dass einige unserer Ideen inzwischen durchaus Eingang in die offizielle Standespolitik fanden.

 

Die meisten von uns begannen frühzeitig mit der Zertifizierung eines Qualitäts-Management-Systems. Dazu mussten wir jeweils ein individuelles Leitbild erstellen. Die Fleming-Apotheke entwickelte darüber hinaus ein Leitbild für Apotheken im VdPP.

 

Wettbewerb im Gesundheitswesen war politisch gewollt und führte zwangsläufig zu vielen Problemen. Gesundheit kann keine Ware sein. Auch in unsere Gruppe entwickelten sich heftige Diskussionen zur Frage „Wettbewerb im Gesundheitswesen: Ja oder Nein“.

 

Jede der ursprünglich 11 Apotheken hat in den vergangenen 17 Jahren einen eigenen Weg gefunden, aber alle bezogen sich in ihrer täglichen Arbeit immer auf die Grundsätze im VdPP-Programm und auf unsere individuellen Leitbilder, die wir daraus entwickelt haben. Leider konnten wir keine neuen Apotheken dazugewinnen. Von den neun Apotheken im Jahr 2000 sind inzwischen fünf verkauft worden, so dass jetzt noch ein harter Kern von vier Apotheken übriggeblieben ist.

 

Zusammen mit den „Ruheständlern“ treffen wir uns weiterhin einmal im Jahr in einer der vier verbliebenen Apotheken, um die neuesten Entwicklungen, die brennendsten Probleme und die aktuelle Standespolitik zu besprechen und nach Lösungen zu suchen, die unserem Selbstverständnis entsprechen. Es ist abzusehen, dass unsere Gruppe nur noch ein paar Jahre existieren wird.

 

Es wäre schön, wenn sich jüngere Kollegen und Kolleginnen finden würden, die sich mit Mut und Experimentierfreude um eine patientenorientierte und sozial verantwortliche Pharmazie bemühen wollen und diese Herausforderung annehmen

 

Die Zeit ist reif für eine neue junge ERFA-Gruppe.

 

Christl Trischler

 

 

 

 

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17. August, Hamburg

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11. September, Berlin

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15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

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