Heimversorgungsverträge : JA – Pharmazeutische Geriatrie: NEIN

von Ingeborg Simon

 

Zwei Geschichten sollen hier erzählt werden, die zusammen betrachtet das uralte Lied von dem Konflikt zwischen Ethik und Monetik anstimmen.

 

Geschichte Nr. 1

Heimversorgende Apotheken sind nach § 12a Abs. 1 Apothekengesetz (ApoG) verpflichtet, zur Versorgung von Bewohnern von Heimen mit Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten mit dem Heimträger einen schriftlichen Vertrag zu schließen, der der Genehmigung der zuständigen Behörde bedarf. Da sich diese Regelung gesetzlich verpflichtend bisher nur an den Apotheker richtete und nicht an den Heimträger, kam es nur dann zum Abschluss von Verträgen, wenn eine Heimleitung sich freiwillig dazu bereit erklärte. Diese Situation hat sich inzwischen geändert. Nachdem die Zuständigkeit für die Heimgesetzgebung aufgrund der Föderalismusreform vom Bund auf die Länder übergegangen ist, sind die Länder in der Pflicht, landeseigene Heimgesetze zu erlassen.

 

In Berlin ist seit dem 1. Juli 2010 ein solches Gesetz in Kraft, das „Gesetz über Selbstbestimmung und Teilhabe in betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen“ (Wohnteilhabegesetz – WTG). Auf Initiative der Apothekerkammer Berlin wurde eine mit dem Text des ApoG korrespondierende Regelung zur Verpflichtung des Heimträgers, Versorgungsverträge mit einer Apotheke abzuschließen, in das WTG aufgenommen.

 

Nach § 11 Abs. 3 Nr. 3 WTG haben der Leistungserbringer und die Leitung einer stationären Einrichtung mit Inhabern einer öffentlichen Apotheke vor Aufnahme der Versorgung mit Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten einen Versorgungsvertrag nach § 12a ApoG zu schließen, sofern die Versorgung der BewohnerInnen durch eine oder mehrere öffentliche Apotheken organisiert wird.

 

Nach § 11 Abs. 2 Nr. 9 WTG hat der Heimträger im Land Berlin sicherzustellen, dass Arzneimittel bewohnerbezogen und ordnungsgemäß aufbewahrt werden und die zur Pflege und Betreuung eingesetzten Personen mindestens einmal im Jahr über den sachgerechten Umgang mit Arzneimitteln beraten werden, soweit Leistungserbringer diese verabreichen. Die Apothekerkammer, die die Chance zu dieser rechtlich bindenden Festschreibung im WTG erkannte und nutzte, freut sich jetzt über ihren Erfolg. Zu Recht! Auch wenn der Abschluss eines Versorgungsvertrages noch kein Geld in die Kasse bringt, so besteht damit jetzt für alle heimversorgenden Apotheken die berechtigte Hoffnung auf einen für sie lukrativen Zugang zu Menschen, deren Bedarf an Arzneimitteln und Medizinprodukten überdurchschnittlich hoch ist. Aber: Der Gesetzgeber sieht in dieser gesetzlichen Verpflichtung auch eine Maßnahme, die der Arzneimittelsicherheit der HeimbewohnerInnen und einer hohen Versorgungsqualität zu dienen hat (s. Begründung).

 

Hier endet die Geschichte Nr. 1.

 

Geschichte Nr.2

Auf Initiative der Fraktion Gesundheit mussten sich der Vorstand und der Ausschuss für Weiterbildung der Apothekerkammer Berlin im Frühjahr 2010 mit einem Prüfantrag der Fraktion auseinandersetzen. Thema dieses Antrags war das Weiterbildungsgebiet „Geriatrische Pharmazie“ – eine Zusatzqualifikation, mit der sich aufgrund ihrer Aufnahme in die Musterweiterbildungsordnung der Bundesapothekerkammer jede Kammer auseinandersetzen sollte. Sie muss prüfen, ob diese in die Weiterbildungsordnung des Landes übernommen werden soll. Die laufenden öffentlichen Debatten über die Probleme des demografischen Wandels und seine Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung legen die Prüfung eines solchen berufsspezifischen Beitrags zumindest nahe – auch in Berlin.

 

Wichtige Anregungen und Entscheidungshilfen dafür lassen sich insbesondere für die Apotheken in dem im Mai 2009 veröffentlichten Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen finden (Sondergutachten 2009 „Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens“). Hier wird der Versorgung älterer Menschen mit Medikamenten viel Aufmerksamkeit gewidmet und der bestehende große Handlungsbedarf dargestellt in Verbindung mit konkreten Empfehlungen.

 

Die Berliner Ärztekammer hat im Februar 2010 ihr Geriatriekonzept 2010 vorgestellt, um als Körperschaft des Öffentlichen Rechts ihren Beitrag zur Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung älterer BürgerInnen in Berlin zu leisten. Da spielt natürlich auch die Pharmakotherapie eine große Rolle. Allerdings taucht in diesem Konzept der Apotheker überhaupt nicht auf, nicht einmal als Randfigur.

 

Und die Apothekerkammer? In einer Anfrage des zuständigen Staatssekretärs der Senatsgesundheitsverwaltung zum Thema „Geriatrischen Pharmazie“ kam von der Kammer die Antwort, ihre Erfahrungen mit einem Seminartag in 2009 hätten gezeigt, dass die Nachfrage zu diesem Bereich in Berlin begrenzt sei und daher aus Sicht des Weiterbildungsausschusses für die Aufnahme der 100 Stunden umfassenden Weiterbildung mit der Zusatzbezeichnung „Geriatrische Pharmazie“ kein Handlungsbedarf bestünde. Man verwies stattdessen auf bestehende Fortbildungsangebote der Kammer, die auch die Versorgung Älterer mit Arzneimitteln zum Thema hätten. Diese Argumentation lässt den Schluss zu, dass es für die Berliner Apothekerkammer keine signifikanten Unterschiede zwischen der Fort- und der Weiterbildung gibt. Überflüssig noch anzumerken, dass der o.g. Antrag der Fraktion Gesundheit von der Kammer abgelehnt wurde.

 

Hier endet die Geschichte Nr. 2 und es beginnt die Gesamtschau auf beide Geschichten.

 

 

Gesamtschau

Wenn es um die Monetik geht wie im Fall der Heimversorgungsverträge entdeckt die Apothekerkammer zielsicher ihre Chancen zur Korrektur gesetzlicher Unstimmigkeiten zwischen Heimgesetz und Apothekengesetz. Das ist ihr gutes Recht als Körperschaft. Aber wenn von Seiten der Aufsichtsbehörde die damit im engen inhaltlichen und zeitlichen Zusammenhang zu sehende Frage gestellt wird, wie die Apothekerkammer mit dem Weiterbildungsfach „Geriatrische Pharmazie“ umzugehen gedenkt, dann wird kein Handlungsbedarf gesehen, weil „die Nachfrage zu diesem Thema in Berlin begrenzt ist.“

 

Und hier wird für mich das Vorgehen der Kammer fragwürdig. Wie kann es möglich sein, dass eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts, der staatliche Verantwortung zur Wahrnehmung von Aufgaben für das Allgemeinwohl übertragen wurde, die berechtigte Frage der Aufsichtsbehörde nach einem Weiterbildungsangebot „Geriatrische Pharmazie“ ausschließlich mit dem Hinweis auf das fehlende Interesse ihrer Mitgliedern beantwortet, ohne eine inhaltlich begründete nachvollziehbare Erläuterung vorzulegen. Das nenne ich dreist und einer Körperschaft unwürdig, weil sie damit ihre berufsethische Verantwortung negiert.

 

Darum frage ich die Apothekerkammer Berlin: Welche fachlichen Gründe veranlassten die Bundesapothekerkammer, die Zusatzqualifikation „Geriatrische Pharmazie“ in ihre Musterweiterbildungsordnung aufzunehmen? Hat man sich in Berlin damit auseinandergesetzt, bevor man sich dagegen entschied?

 

Warum hat Nordrhein-Westfalen diese Weiterbildungsdisziplin längst eingeführt? In diesem Bundesland gab es bereits Ende 2009 über 150 KollegInnen, die diesen Weiterbildungsgang abgeschlossen haben. Warum? Die Antwort darauf lässt sich nachlesen in der Deutschen Apothekerzeitung Nr. 43 vom 23.10.2008 (S. 94). In NRW ist man der Meinung, dass diese Qualifikation als FachapothekerInnen für Geriatrische Pharmazie dazu beiträgt, den Medikationsprozess in den Alten- und Pflegeheimen zu optimieren, um Medikationsfehler zu reduzieren, den Pflegeaufwand zu vermindern und die Lebensqualität der SeniorInnen zu verbessern! Diese Erfahrungen der BerufskollegInnen aus NRW machen deutlich, dass der Abschluss von Heimversorgungsverträgen für die BewohnerInnen nur dann hilfreich ist, wenn auf Seiten der Apotheken das entsprechende fachliche Wissen bei der Versorgung mit Medikamenten im Alter auch vorhanden ist. Sicherlich kann Fortbildung hier nützlich sein. Aber ist sie allein ausreichend angesichts der komplexen Problemlage der „Geriatrischen Pharmazie“? (Hier sei noch mal auf das zitierte Gutachten des Sachverständigenrats hingewiesen).

 

Die Berliner Weiterbildungsordnung wurde Mitte letzten Jahres geändert. „Geriatrische Pharmazie“ fehlt – immer noch!

 

Ich empfehle den Berliner Heimleitungen dringend, die zukünftige Vergabe von Versorgungsverträgen vom Vorliegen einer Zusatzqualifikation für „Geriatrische Pharmazie“ abhängig zu machen und bestenfalls als Übergangslösung den Nachweis anerkannter Fortbildungsveranstaltungen zum Thema der Versorgung älterer Menschen mit Arzneimitteln zuzulassen.

 

Das ist nicht realisierbar? Wer das für überzogen oder abwegig hält, dem empfehle ich die Lektüre des jüngsten Rundschreibens der Apothekerkammer Berlin vom September 2010. Unter der Überschrift „Die Uhr tickt – Qualitätsmanagement in der Apotheke“ wirbt die Apothekerkammer Berlin für den Aufbau eines Qualitätsmanagementsystems in den öffentlichen Apotheken mit folgender Begründung: In den aktuellen Hilfsmittellieferverträgen der Barmer/GEK und der TK werden die Apotheken aufgefordert, innerhalb von 4 Jahren QM-Systeme zu etablieren und zu zertifizieren. Hier reagiert die Kammer sofort und kommt der Aufforderung der Kostenträger nach! Die Ausübung des ökonomischen Drucks zeigt eindeutig Wirkung!

 

Was den Krankenkassen da offenbar so einfach gelingt, sollte doch bitte auch der Aufsichtsbehörde und den Heimträgern möglich sein! Was für Windeln, Bettunterlagen und Kompressionsstrümpfe recht ist, sollte doch wohl für die Absicherung einer qualifizierten Pharmakotherapie in den Pflegeinrichtungen billig sein!

 

Wir brauchen bundesweit die Aufnahme der Zusatzqualifikation „Geriatrische Pharmazie“ – und zwar schnell.

 

 


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TERMINANKÜNDIGUNG

 

16. Oktober, Berlin

Regionalgruppentreffen

um 19.30h in Schöneberg

 

9. November, Berlin

VdPP-Herbstseminar

 

"Apotheke der Zukunft - wohin soll es gehen? Über neue Wege der Honorierung"

 

Anmeldung zum Seminar:

 

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