Unabhängige Arzneimittelberatung für Patienten

Träger: Institut für Klinische Pharmakologie, TU Dresden

Oktober 2008

von Uta Heinrich-Gräfe

 

Ausgangssituation/Problemstellung:

 

Seit Jahren werden für das Gesundheitswesen eine bessere Patientenorientierung und mehr Patientensouveränität gefordert. In diesem Zusammenhang wird auch mehr Selbstverantwortung vom Patienten verlangt. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten ist dabei, sich vom paternalistischen (der Arzt bestimmt allein über die Therapie des Patienten) zum partizipativen Muster (der Patient entscheidet nach Aufklärung über die Vor- und Nachteile der einzelnen Therapieoptionen mit) zu wandeln. Dieser Wandel ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Der Patient folgt den Anweisungen des behandelnden Arztes oft, ohne genau über die Begründung der Behandlung informiert zu sein. Er ist unsicher, ob die gewählte Behandlung in seiner Situation geeignet ist. Dieses Problem hält Patienten davon ab, optimal an ihrer Behandlung mitzuarbeiten, wodurch die Kosten für die Behandlung steigen. Es konnte gezeigt werden, dass für einen in die Patientenaufklärung und -beratung investierten Betrag später das drei- bis vierfache eingespart wird. In den letzten Jahren steigt das Informationsbedürfnis der Patienten stetig, und zwar stärker, als diesem Anstieg mit den derzeitigen Informationsmöglichkeiten im Gesundheitswesen Rechnung getragen wird.

 

Da bekannt ist, dass die initiale Beratungszeit der Patienten beim Arzt maßgeblich für die spätere Mitarbeit an der Behandlung ist, kann die Erweiterung dieser Zeit über eine Telefonberatung auch die Adherence und damit die Therapieeffektivität verbessern. Außerdem kann natürlich in gewissem Ausmaß beurteilt werden, ob vor Einleitung einer Arzneitherapie alle nichtmedikamentösen Therapieoptionen, wie zwar von den Arzneimittelrichtlinien gefordert, in Praxi aber zuwenig beachtet, ausgeschöpft wurden. Das Ziel einer Arzneimittelberatung ist immer auch die Betrachtung der Arzneimittel auf das Notwendige und Sinnvolle, da jedes unnötige Arzneimittel ein Risiko für den Patienten darstellt.

 

Ein weiterer Ansatzpunkt für die Arzneimittelberatung ist die Schnittstelle zwischen ambulantem und stationärem Sektor der Leistungserbringung. Hier werden viele Arzneitherapien umgestellt und häufig erfolgt keine eingehendere Beratung zur neuen Medikation. Hier kann die telefonische Arzneimittelberatung den Patienten die Unsicherheit in Bezug auf ihre Arzneitherapie nehmen.

 

Zielsetzung / Angestrebte Ergebnisse:

 

Zielgruppe sind alle Patienten mit Arzneitherapieproblemen. Vor allem werden Patienten adressiert, die viele Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen (sogenannte Polypharmazie des multimorbiden und oft auch älteren Patienten).

 

Das Modellprojekt reagiert auf folgende Versorgungsdefizite:

 

Beim Arzt kommen Informationen häufig aus Zeitmangel zu kurz (Informationsdefizit) oder sind für den Patienten stellenweise unverständlich (Kommunikationsdefizit). Daraus resultiert eine mangelnde Adherence, die wiederum dazu führt, dass Patienten unnötig lange krank sind bzw. keine ausreichende Stabilisierung ihres Krankheitszustandes erfahren oder Folgeerkrankungen entwickeln. Dies hat also nicht zuletzt wirtschaftliche Bedeutung und soll durch telefonische Arzneitherapieberatung vermieden werden.

 

Auch immobile Patienten in der ambulanten Pflege oder in Heimen profitieren vom telefonischen Beratungsdienst, da diese den Arzt oft nur extrem kurz im Rahmen des Hausbesuches sehen und ihre Medikamente nicht persönlich in der Apotheke abholen können. Gerade diese Patienten haben also keinen oder nur erschwerten Zugang zu qualifizierter Arzneimittelinformation.

 

Weiterhin erteilt der Dienst Ratschläge zu allgemeinen Verhaltensregeln oder notwendigen Verhaltensänderungen, durch die die Arzneimittelanwendung optimiert wird.

 

Darüber hinaus versucht der Service Patienten, die durch eine vermutete Arzneimittelnebenwirkung verunsichert oder die laut ihrem behandelnden Arzt austherapiert sind, neue Impulse zu vermitteln, um zu einem erfolgreichen Behandlungsergebnis zu gelangen. Natürlich werden auch allgemeine und aktuelle Informationen zum Arzneimittelrecht, Gesetzen und Gesetzesänderungen im Gesundheitssystem gegeben.

 

 

Die wichtigsten Ziele des Arzneimittelinformationsdienstes sind:

  • Stärkung der Patientensouveränität Der Patient soll wissen, welche Therapien bei ihm aus welchem Grund angewendet werden und wie diese wirken. Der Patient soll, soweit wie im Einzelfall sinnvoll und möglich, über die Entstehung und Gründe aufgeklärt werden, um ihn zu aktiver Mitarbeit zu motivieren.
  • Verhindern von Fehlanwendung und somit Ineffizienz in der Arzneitherapie Der Patient soll wissen, wie und wann er welche Medikamente anzuwenden hat.
  • Förderung der Adherence und damit der Effektivität der Therapie Es existiert hinreichend Evidenz dafür, dass Patienten ihre Medikation besser akzeptieren, wenn sie wissen, warum ein Arzneimittel notwendig ist und warum gerade sie es jetzt und regelmäßig anwenden sollen (Vermeidung von Folgeerkrankungen, Krankheitsverschlechterung etc.).

 

Leistungsangebot:

 

Es wird eine telefonische (auch per E-Mail oder schriftliche) Arzneimittel- bzw. Arzneitherapieberatung angeboten, und zwar sowohl für den einzelnen Patienten als auch im Rahmen von Schulungen der Mitarbeiter der zentralen Hotline der Unabhängigen Patientenberatung.

 

Es existiert ein eigener Internetauftritt, welcher im Rahmen des Verbundes überarbeitet und in den Auftritt des Modellverbundes eingegliedert ist.

Weitere Leistungen: siehe oben unter Ziele.

 

Regelmäßig werden gehäuft auftretende Probleme auf der Webseite ausführlicher dargestellt. Es werden zu aktuellen Arzneimittelproblemen und/oder politischen Entwicklungen auf dem Sektor Arzneimittelversorgung in der GKV Standpunkte erstellt, die dem Modellverbund über ein Intranet zur Verfügung gestellt werden und dem Patienten vor Ort in der entsprechenden Beratungsstelle mitgegeben werden können.

 

 

Referenzen:

 

Das Projekt „Unabhängige Arzneimittelberatung für Patienten“, gefördert durch die Spitzenverbände der GKV gemäß § 65b, gibt es seit 2001. Seitdem erfolgten über 7000 Beratungen, mehrere Kongressteilnahmen und mehrere positive publizierte Evaluationen des Projektes. Bei Patientenberatungsstellen, der Selbsthilfe und den Verbraucherzentralen ist das Projekt bekannt und es existieren wechselseitige Kooperationen.

 

Am Institut arbeiten mehrere Assistenz- und Fachärzte verschiedener Fachrichtungen, auf deren Erfahrungen zurückgegriffen werden kann. Das Projekt wird durch einen in der Pharmakotherapieberatung erfahrenen Apotheker geleitet. Durch die Anbindung an die Universität und deren Bibliothek (im Hause des Institutes) ist eine optimale Ausstattung mit Literatur, Datenbanken und Informationen sichergestellt. Seit über 10 Jahren werden von einem Beraterteam des Institutes auch niedergelassene Ärzte zur Pharmakotherapie beraten. Es gibt eine regelmäßige interne Qualitätskontrolle und dabei identifizierte Probleme werden sofort behoben. Ein Qualitätsmanagementsystem für den Ablauf der Beratung wird derzeit erstellt.

 

 

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

 

24.-25. Juni 2017, Wernigerode

VdPP-Mitgliederversammlung

"Apotheke der Zukunft"

World Café am Samstag, 24.06 von 14-17.30 Uhr

Anmeldung unter: http://www.vdpp.de/termine/mv-2017/

 

 

15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

https://www.mezis.de/events/10-jahre-mezis-internationales-no-free-lunch-treffen/