Der Patient steht im Mittelpunkt          – und dort stört er

Nachdenkliches zur Leitbilddebatte aus Sachsen

In den ersten Wochen dieses Jahres schien es für die Apothekerschaft ein dominierendes Thema zu geben: die Leitbilddebatte. Auf Sinn und Unsinn, Nutzen und Schaden soll hier nicht weiter eingegangen werden. Denkanstöße hat die Debatte auf jeden Fall gegeben.

 

Das erste Kernthema lautete „Der Patient in der Apotheke: Mitwirkung und Mitgestaltung.“ Ich war überrascht. Zum einen wird in vielen Apothekerkreisen und -medien fast ausschließlich von Kund_innen, jedoch selten von Patient_innen gesprochen. Zum anderen lässt der Untertitel „Mitwirkung und Mitgestaltung“ auf eine aktive Rolle der Patient_innen schließen, die ich in dieser Debatte nicht erwartet hätte (wobei: hätten dann nicht auch die Patient_innen gefragt werden müssen, wie sie sich die Apotheke der Zukunft vorstellen?).

 

Übertroffen wurde mein Staunen jedoch von zwei Beiträgen, die kurz vor Ende der dreiwöchigen Diskussion im Forum auf www.leitbildprozess.de gepostet wurden. In einem hieß es: „Mitbestimmung ist gefährlich und ist mit einer hohen Verantwortung verbunden. […] Es gibt fast Niemand der kompetent aufklärt“. In einem anderen war zu lesen: „Mitbestimmung ist mit Vorsicht zu genießen. Wir haben studiert, um den Patienten zu helfen und die Gesundheit zu fördern. Nicht umsonst gehen wir ständig zu Fortbildungen (...)“. „Man ist es wirklich manchmal Leid, einem "Möchtegern-Apotheker" über den Weg zu laufen. Stellt man seine "Wahl-Therapie" als nutzlos dar, ist er beleidigt.[…]

 

 Wie bitte? Solche Töne aus Sachsen, wo immerhin der Arzneimittel-beratungsdienst der Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands (UPD) und die „ostdeutsche Zweigstelle“ des Krebsinformationsdienstes (KID) angesiedelt sind, um nur zwei Beispiele zu nennen! Nach „Mitwirkung und Mitgestaltung“ klingt das jedenfalls nicht, sondern nach purem Paternalismus.

 

Die unrealistischen Versprechungen der Werbung – gerade für Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine und ähnliches – verlocken manchen Patienten. Aufklärungsarbeit ist hier oft mühsam und schwierig. Nicht zuletzt finden sich viele dieser beworbenen Präparate auch in der Apotheken Umschau wieder, die wir großzügig verteilen (müssen). Diese Problematik darf jedoch nicht dem Patienten angelastet werden, sondern der Industrie. Den Patienten in eine passive Rolle zu versetzen, frei nach dem Motto „Ich weiß was besser für dich ist, daher musst du meinem Rat folgen!“ kann nicht die Konsequenz sein.

Wovor haben wir Apotheker_innen Angst? Vor der Verantwortung, die wir zeitgleich mit der Übernahme des Medikationsmanagements im Rahmen des ABDA-KBV-Modells (jetzt ARMIN) nirgendwo anders als in Sachsen und Thüringen fordern? Vor der Auseinandersetzung? Und wenn ja, warum? Fehlen uns das Wissen und somit die Argumente, um Nutzen und Risiken der Selbstmedikation patientenverständlich darzustellen (denn nur auf diesem Gebiet kann es ja zwischen Patient_in und Apotheker_in zu einer Art „shared decision-making“ kommen)? Ist das ein Ruf nach mehr Evidenzbasierung der Selbstmedikation?

 

Und was die kompetente Aufklärung betrifft – das ist unsere Aufgabe, die in den obenstehenden Beiträgen als mangelhaft ausgeführt beschrieben wird! Gerade hierfür soll doch die Apotheke eine niederschwellige Anlaufstelle sein, um dem Patienten durch den unübersichtlichen Dschungel aus oftmals wenig seriösen, interessengeleiteten Informationen zu helfen und um gemeinsam, ganz nach den Kriterien der evidenzbasierten Pharmazie (Patientenrealität, therapeutischer Erfahrung und wissenschaftlicher Evidenz), das geeignete Arzneimittel zu wählen ...

 

Genauso beschäftigt mich aber auch die Frage, wie man Apotheker_innen und anderen Heilberufler, die der Mitwirkung durch Patient_innen skeptisch gegenüberstehen, entgegenkommen kann. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um weder – frei nach dem Motto „der Kunde ist König“ – jeden Patientenwunsch blind zu erfüllen, noch den Patienten zu bevormunden? Neues Wissen erwirbt man auf (industrieunabhängigen) Fortbildungen, wo aber erwirbt man einen anderen Blick auf einen Aspekt des bisherigen Rollenbildes?

Zwar ist eine Stichprobe von n = 2 wenig aussagekräftig, nachdenklich gestimmt hat sie mich allemal ...

 

Viktoria Mühlbauer

 

 

Erschienen im VdPP Rundbrief Nr. 89

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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