Führungskollektiv: Drei Approbierte und eine PKA

Aus: Spektrum 1/09, S. 10-11 (Mitgliederzeitschrift von ADEXA – Die Apothekengewerkschaft)

Artikel über Führungskollektiv der Neptun-Apotheke
Artikel über Führungskollektiv der Neptun-Apotheke
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Frühjahr 2009

 

von Sigrid Joachimsthaler

 

Selbstverwaltete Apotheken sind eine Rarität in der deutschen Apothekenlandschaft. Viel mehr als ein halbes Dutzend waren es bundesweit wohl nie, inzwischen ist die Zahl noch weiter zurückgegangen. Dabei hat die gleichberechtigte Führung durch ein Team durchaus auch Vorteile –vorausgesetzt, man kann Verantwortung teilen und versteht sich persönlich.

 

Und natürlich muss auch der Apothekenbetriebsordnung Rechnung tragen werden, was intern besondere vertragliche Regelungen sinnvoll macht. Hier ein Bericht von einer der letzten kollektiv geführten Apotheke in Hamburg:

 

„Wir haben früher unsere Schaufenster häufig „politisch“ gestaltet“, erinnert sich Monika Gerth. Zum Beispiel, um gegen gesetzliche Änderungen zu protestieren, die sich negativ auf die Patientenversorgung auswirkten. Die Hamburger Apothekerin hat 1984 zusammen mit ihrer PKA-Kollegin Gudrun Meiburg im Hamburger Univiertel die Fleming-Apotheke übernommen und bis 2003 als selbstverwalteten Betrieb geführt. Monika Gerth war als Approbierte die offizielle Inhaberin und damit im Sinne der Apothekenbetriebsordnung verantwortlich. Außerdem war immer klar, dass Meiburg als nichtapprobierte Kollegin keine Aufgaben übernahm, die nur von Apothekerinnen ausgeführt werden durfte. Intern gab es einen von Juristen aufgesetzten Hausvertrag, der neben den Zielen unter anderem das gleichberechtigte Mitspracherecht aller Teammitglieder in wirtschaftlichen Fragen, Prokura für alle und eine einheitliche Bezahlung vorsah. Solche internen Vereinbarungen sind allerdings nicht einklagbar.

 

1984 – das war eine Zeit, in der alternatives und basisdemokratisches Gedankengut weit verbreitet war. Es gab selbstverwaltete Kitas, Bäckereikollektive, Einkaufsgenossenschaften für Biolebensmittel, kollektive Buchläden etc. Auch im Falle von Gudrun Meiburg und Monika Gerth, die sich kommunalpolitisch in der Alternativen Liste engagierte, war in erster Linie der politische Anspruch ausschlaggebend. Dazu kamen negative Erfahrungen aus konventionellen Apotheken. Andere selbstverwaltete bzw. kollektiv geführte Apotheken gab es in dieser Zeit in Berlin, Frankfurt und Darmstadt.

 

 

Keine weißen Kittel

 

Ein reines Frauenteam sollte es sein, denn Männer in der Apotheke werden von den Kunden ja fast immer als Chef angesehen. Für das selbstbestimmte Arbeiten hatte das Fleming-Apothekenteam hohe pharmazeutische Ansprüche: Was empfohlen und bevorratet wurde, musste wirksam und verträglich sein. Therapeutisch zweifelhafte Präparate wurden nicht verkauft. Geputzt wurde selbst – und es gab keine weißen Kittel, um keine Distanz zu den Kunden zu schaffen. Das führte zunächst zu der erstaunten Nachfrage von Kunden: „Sind Sie überhaupt eine richtige Apotheke?“

 

Die „alternative“ Apotheke wurde im Viertel schnell akzeptiert und von den Patienten geschätzt. Für die Teammitglieder bot die Aufteilung der Verantwortung mehr Freiräume – zum Beispiel auch, um Kinder und Beruf zu vereinbaren. Und das Team wuchs: Die dritte im Bunde, Gudrun Likus, arbeitete zunächst als Pharmaziepraktikantin und blieb als Approbierte; 1992 kam Evelyn Seibert, zunächst als Schwangerschaftsvertretung. Auch sie waren (berufs)politisch ambitioniert und engagiert, Seibert u.a. als Mitautorin der Ausstellung und des Buches „Frauen in der Pharmazie“.*

 

 

Neustart in Bramfeld

 

Über den Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VDPP) standen die Kolleginnen im Kontakt mit dem Apotheker und VDPP-Vorstand Bernd Rehberg. Als Rehberg seine Apotheke in Hamburg-Bramfeld im Jahr 2003 aus Altersgründen verkaufen wollte, wagten die vier von der Fleming-Apotheke einen Neustart und trennten sich vom Grindelviertel. Das hat deutliche Veränderungen mit sich gebracht:

 

Zum einen wird die Neptun-Apotheke als OHG von Gudrun Likus und Evelyn Seibert geführt, während Monika Gerth und Gudrun Meiburg offiziell als Angestellte gelten. Intern gilt aber nach wie vor die gleichberechtigte Position aller vier. Zum zweiten gibt es in der deutlich größeren Neptun-Apotheke im Team jetzt auch „normale“ Angestellte, die nicht in das Führungskollektiv integriert sind. Zurzeit sind es vier PTA, zwei PKA und zwei Auszubildende.

 

 

„Kulturschock“

 

Trotz des vorbereitenden Coachings der vier Chefinnen trafen hier zwei Kulturen aufeinander – durchaus mit den üblichen Problemen eines „Kulturschocks“. Inzwischen sind die meisten Befindlichkeitsstörungen behoben. „Es war ein wahnsinnige Umstellung, aber jetzt hat es sich gut eingespielt“, sagt PTA und ADEXA-Mitglied Anja Behrens, die schon unter Rehberg in der Neptun-Apotheke gearbeitet hat. Diejenigen Mitarbeiterinnen, die geblieben sind, geben mittlerweile in den jeweils zum Jahresbeginn stattfindenden Mitarbeiterbesprechungen ihrem Chefinnen-Quartett ein positives Feedback. Dabei sitzen aber nicht alle vier, sonder nur zwei Führungsfrauen mit einer Angestellten zusammen, betont Gudrun Meiburg. Als 2008 gemeinsam das 5-jährige Jubiläum der Neptun-Apotheke am Standort Bramfeld gefeiert wurde, zeigte sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit eindrucksvoll. Auch die Teamkleidung wurde gemeinsam entwickelt – unten Weiß und oben ein Mittelblau mit dem Namen und der Berufsbezeichnung unter dem Dreizack als Apothekenlogo.

 

 

Vor- und Nachteile

 

„Fundiertere Entscheidungen“ und „viel mehr Sicherheit“ sehen Gerth, Meiburg, Seibert und Likus als größte Vorteile der kollektiven Führungsstruktur. Der einzige Nachteil, der ihnen nach längerem Überlegen einfällt: Entscheidungen sind oftmals zeitaufwendiger. Für diese Abstimmungsprozesse ist eine gute Streitkultur nötig, betont Gudrun Meiburg. Es gibt mindestens einmal pro Monat eine mehrstündige Leitungsbesprechung. Außerdem existiert ein Buch, in dem notiert werden kann, was gut und was schlecht läuft.

 

Nach außen hin, sagen alle vier, habe es eigentlich nie Probleme mit der gleichberechtigten Führungsstruktur gegeben – sei es gegenüber Aufsichtsbehörden, Kassen, Firmen oder Großhandel.

 

 

Zuständigkeitsschwerpunkte

 

Anders als vorher in der Fleming-Apotheke, wo jede alles machte, haben sich am Standort Bramfeld bestimmte Verantwortungsschwerpunkte je nach Neigung und Abneigung herausgebildet: So ist Monika Gerth beispielsweise für QMS, Kundenbetreuung und Fortbildung zuständig, Gudrun Likus für Finanzen, Gudrun Meiburg für Personal und Finanzen (sowie für die Geschäftsstellenarbeit des VDDP) und Evelyn Seibert für Direkteinkauf, Marketing und Schaufenstergestaltung.

 

Und wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen aus? Bei der Bezahlung richtet man sich nach dem laufenden Tarifvertrag. Für Fortbildungsveranstaltungen werden die Kosten übernommen und die Teilnahme mit 25 Euro belohnt. Für jeden Fortbildungspunkt via Internet gibt es 5 Euro. Zur Unterstützung des täglichen Mittagessens werden Essenmarken ausgegeben. Aus ökologischen Gesichtspunkten werden Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr bezahlt, die Fahrt mit dem eigenen PKW aber nicht.

* Beisswanger, Hahn, Seibert, Szász, Trischler: Frauen in der Pharmazie, DAV, Stuttgart 2001 (zurück)

 

Dr. Sigrid Joachimsthaler ist Leiterin des Bereichs Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der Apothekengewerkschaft ADEXA (presse@adexa-online.de). ADEXA vertritt die tarif- und berufspolitischen Interessen aller Berufsgruppen in öffentlichen Apotheken.

 

 

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

17. August, Hamburg

VdPP-Regionalgruppe um 19.30 Uhr in Hamburg

 

11. September, Berlin

VdPP-Regionalgruppe um 19.30 Uhr in Schöneberg

 

15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

https://www.mezis.de/events/10-jahre-mezis-internationales-no-free-lunch-treffen/