Massiv präsentieren. Gesundheit fördern – Netzwerke aufbauen

Ein Bericht vom VDPP-Herbstseminar 2009

 

Dezember 2009

von Katja Lorenz

 

PharmazeutInnen müssen sich auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung/Prävention massiv präsentieren, wenn sie sich als verlässliche, kompetente Partner einbringen wollen. Das war das einhellige Fazit des diesjährigen Herbstseminars. Gleichzeitig war dies der dringende Appell von Frau Witte, die die Sicht der PatientInnen vertrat.

 

Auf welchen Gebieten und wie wir uns präsentieren sollten – darüber gingen die Meinungen schon auseinander.

 

Aber der Reihe nach: Das diesjährige Herbstseminar des VDPP fand am 7. November statt. Wir trafen wir uns diesmal im „Club Spittelkolonnaden“ in Berlin-Mitte. Als Nachbarschafts- und Begegnungsstätte dient der Club als kultureller Treffpunkt im Quartier, schafft Verbindungen von Bürgerinitiativen untereinander und zu anderen Einrichtungen und sieht einen Schwerpunkt in der nachbarschaftlichen Hilfe für SeniorInnen; hat sich also selbst dem „Netzwerken“ verschrieben.

 

Das Catering kam wiederum – gewohnt lecker – vom Cafe Seidenfaden, einem Projekt von FrauSuchtZukunft e. V., wo am 24. April 2010 auch wieder das Frauenseminar stattfinden wird. (Termin bitte schon einmal vormerken. Näheres gibt es zu gegebener Zeit wieder per Rundbrief/Homepage/Newsletter.)

 

In diesem Jahr ging es ums „Netzwerken“ im Sinne von Gesundheitsförderung und Prävention. Wir wollten hinterfragen, wo dabei die Chancen, Möglichkeiten und Grenzen der öffentlichen Apotheken liegen.

 

Das Thema wirkte nach außen wohl zu apothekenspezifisch. Der Teilnehmerandrang insbesondere aus anderen Berufsgruppen war diesmal nicht so groß. Dabei ging es gerade um die Zusammenarbeit aller Akteure im Gesundheitswesen. Der VDÄÄ kam und die Fachpresse war ebenfalls vertreten und berichtete ausführlich (PZ und DAZ Nr. 46).

 

 

Eingeladen waren:

 

  • Dr. Udo Puteanus, Apotheker am Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit NRW und Gründungsmitglied des VDPP,
  • Prof. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialforschung der Uni Bremen, zumindest z. Zt. noch Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und Gründungsmitglied des VDPP,
  • Dr. Helmut Schlager, Apotheker und Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts für Prävention im Gesundheitswesen (WIPIG) bei der Bayerischen Landesapothekerkammer,
  • Manfred Krüger, Apotheker und Inhaber zweier Apotheker in Krefeld,
  • Christine Witte, Diplom-Psychologin, Referentin Wissenschaft in der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) und Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss.

 

Der Vertreter des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden hatte leider kurzfristig absagen müssen.

 

Zunächst führte Udo Puteanus in das Thema ein. Beginnend mit der Ottawa-Charta von 1986, die erstmals ein weltweites Konzept zur Stärkung der Gesundheitsressourcen des Einzelnen und der Bevölkerung formulierte, erläuterte er an Beispielen, wie dieser Perspektivwechsel im Gesundheitswesen aussehen und gestaltet werden kann. Es geht eben nicht mehr nur um die Identifizierung individueller Infektionsquellen, sondern um die Etablierung diskriminierungsfreier, zeitstabiler Lernprozesse in der Gesellschaft. Und „wer Kinder hat, weiß wie lange Umsetzungen dauern.“

 

Laut Puteanus sprechen folgende Punkte dafür, dass Apotheken Akteure, Multiplikatoren und Sensoren in diesem Prozess sein können: es gibt sie flächendeckend, sie sind im Stadtteil verankert und genießen das Vertrauen der Bevölkerung. Ihr Angebot ist niedrigschwellig, sie haben Kontakt zu allen sozialen Schichten. Letzteres ist ein gewichtiger Punkt: bisherige Präventionsangebote erreichen zu wenig die wirklich Bedürftigen.

 

Hindernisse sieht er im rein naturwissenschaftlichen Studiengang, der Orientierung auf die kaufmännische Seite des Berufes und dem isolierten Arbeiten der Apothekerschaft innerhalb des Gesundheitswesens. Das ist eine oft gemachte Beobachtung: ApothekerInnen melden sich (höchstens) zu Wort, wenn es konkret um Arzneimittel geht. Auf Veranstaltungen zur Prävention fehlen sie meist. Er sieht Defizite in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, der Vertraulichkeit der Beratung und der Versorgungsforschung.

 

Gerd Glaeske gab seinem Vortrag das Thema: „Gesundheitsversorgung wohin? Entwicklungen und Konzepte in der Arzneimittelversorgung“. Eingangs widmete er sich pointiert den laufenden Koalitionsverhandlungen. Er sieht das System vor einem Bruch, weil das solidarische Element gestrichen werden soll.

 

Im Folgenden stellte er Ergebnisse des jüngsten Gutachtens des Sachverständigenrates vor. Insbesondere ging er auf die Problematik der Multimorbidität, der fehlenden Leitlinien für deren Behandlung und der Nichtbeachtung der Beers-Liste ein.

 

Beim „Netzwerken“ mit anderen Gesundheitsberufen im Rahmen der Prävention und Gesundheitsförderung fordert er klar, dass Apotheken in Vorleistung gehen müssen. Zuerst muss gezeigt werden, dass sie beraten können und dass diese Beratungsleistung Verbesserungen bewirkt. Erst dann kann diese Leistung auch bezahlt werden. Dazu müssten sich die Apotheken jedoch von den eher passiven Institutionen, die sie derzeit überwiegend darstellen, wegbewegen.

 

Dazu wäre aber auch die Entwicklung anderen Finanzierungsmodellen notwendig. Bisher wird der jeweilige Anbieter bezahlt. Zukünftig sollte das Geld in ein Versorgungsnetzwerk gegeben werden, in dem alle Akteure zusammenarbeiten. Hier nannte er als Beispiel das Modell „Gesundes Kinzigtal“. Weiterentwicklungen hätten hier jedoch auch die ABDA und die Apothekenvereine in der Vergangenheit eher blockiert, da sie stets Kollektivverträge abschließen wollten, die eine Differenzierung nicht zuließen.

 

Helmut Schlager hatte nun die Aufgabe darzustellen, was Apotheken in diesem Rahmen leisten können. Das 2007 gegründete WIPIG unterstützt die Apotheken durch die Erstellung von Ratgebern, Aktions- und Beratungsmaterial und der Durchführung von Schulungen. Aktuell wurde erstmal der Präventionspreis vergeben. Damit sollen erfolgreiche Modelle und Aktivitäten der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

 

Ein besonders erfolgreiches und inzwischen von verschiedenen Kammern übernommenes Projekt ist „Apotheke macht Schule“. Hier gehen ApothekerInnen in Schulen, halten Vorträge für SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen zu so verschiedenen Themen wie Umgang mit chronisch kranken Kindern oder Pickeln. Hier sieht er den Gedanken des Netzwerkens praktiziert. Es wird mit den jeweiligen Schulverwaltungen und -leitungen kooperiert.

 

Manfred Krüger stellte sein mit dem Nationalen Aktionsforum Diabetes mellitus entwickeltes Konzept zur Früherkennung und Prävention dieser Krankheit vor. Dabei werden Menschen mit erhöhtem Risiko bei der individuellen präventiven Verhaltensänderung begleitet. Sie werden entsprechend angeleitet und langfristig betreut, um einen Rückfall zu vermeiden. Hier arbeiten ÄrztInnen, ApothekerInnen, ErnährungsberaterInnen, BewegungstrainerInnen und extra ausgebildete PräventionsmanagerInnen zusammen. Zudem wird das Projekt evaluiert. Somit ist der Nutzen objektiv erkennbar! Außerdem hat man nur so die Chance, den Weg von „drei Freunde machen was zusammen zu einem übergreifenden Projekt“ zu gehen.

 

Christine Witte formulierte in Vertretung der PatientInnen ihre Anforderungen an eine optimale Betreuung. Hier fiel dann auch der Satz, dass sie sich wünscht und erwartet, dass die ApothekerInnen sich massiv präsentieren. Auch, weil die PatientInnen oft nicht wüssten, was sie eigentlich von uns abfordern könnten, welche Fragen sie stellen sollten. Einfach, weil sie mit ihrer Diagnose überfordert seien.

 

Anschließend wurde viel zur Positionsbestimmung diskutiert. Sollen ApothekerInnen jetzt zu SozialarbeiterInnen mutieren? Wie weit geht eigentlich unser Versorgungsauftrag? Was ist dabei die von allen zu leistende Pflicht, was ist Kür? Geht es nicht vielmehr darum, dass jede/r macht, was er kann und dazu mit den anderen Akteuren zusammenarbeitet? Einig war man sich darin, nicht vergrätzt in der Ecke zu sitzen und festzustellen, dass uns mal wieder keiner fragt, ob wir mitmachen wollen.

 

Dann war die Zeit schon wieder um, neue Kontakte waren geknüpft und Denkanstöße gegeben worden. Das Seminar war wiederum von der Apothekerkammer Berlin als Fortbildungsveranstaltung akkreditiert worden. 

 

 

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

 

24.-25. Juni 2017, Wernigerode

VdPP-Mitgliederversammlung

"Apotheke der Zukunft"

World Café am Samstag, 24.06 von 14-17.30 Uhr

Anmeldung unter: http://www.vdpp.de/termine/mv-2017/

 

 

15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

https://www.mezis.de/events/10-jahre-mezis-internationales-no-free-lunch-treffen/