Wir können helfen!

ein Aufruf

Die große Menge an zureisenden Flüchtlingen nach Deutschland ist ein Fakt. Wie können Pharmazeutinnen und Pharmazeuten mit ihren Qualifikationen in der Flüchtlingshilfe aktiv werden? Christl Trischler zeigt drei Szenarien auf für persönliches und berufliches Engagement.

Dezember 2015

 

von Christl Trischler

 

Am einfachsten ist es, in der eigenen Apotheke einzugreifen, sowohl als EigentümerIn als auch als Angestellte. Grundlage dafür ist das Verständnis  des gesamten Teams für die Situation der Kunden und Kundinnen, die als Flüchtlinge im Ort leben und in den ersten Wochen einen Art Kulturschock erleben. Alle im Team sollten sich einig sein:  Die Flüchtlinge haben wie alle anderen gesundheitliche Probleme, suchen Hilfe und Rat. Sie haben ein Recht darauf genauso höflich, korrekt und freundlich behandelt zu werden wie alle anderen Kunden und Kundinnen auch. Sie sind Kunden von morgen.

 

Viele kommen mit einem Rezept mit dem Kostenträger Sozialamt. Auf dem Rezept muss befreit angekreuzt werden. Falls nicht richtig angekreuzt wurde, muss das vom Arzt korrigiert werden. Viele haben auch ein grünes Rezept. Es sollte dann selbstverständlich sein, das günstigste Präparat abzugeben. Dasselbe gilt für Privatrezepte. Warum nicht alle benötigten AM bezahlt werden,  das ist nicht nur für die Flüchtlinge schwer zu verstehen. Es gibt viele verschiedene Regelungen in den einzelnen Ländern. Hamburg und Bremen haben spezielle Krankenkassenkarten eingeführt. Alle anderen Länder arbeiten daran. In Hessen müssen zur Zeit noch für jeden registrierten, noch nicht anerkannten Flüchtling für jedes Quartal beim Sozialträger Krankenscheine beantragt werden. Das dauert einige Tage. Bei akuten Beschwerden ist das ein Problem. Eine gute Zusammenarbeit mit den Arztpraxen ist unabdingbar.

 

Sprachprobleme kann man lösen. Oft ist jemand im Team,  der dolmetschen kann. Es gibt Beratungshilfen in allen möglichen Sprachen im Internet zum kostenlosen Herunterladen und Ausdrucken, z. B. Einnahmehinweise in verschiedenen Sprachen, Anamnesebögen (z. B. von tipdoc), Textbeispiele für den Arztbesuch u. v. a. Einige Landesapothekerkammern haben bereits über diese Beratungshilfen informiert.

 

Einfach „3x1“ auf die Packung schreiben, das reicht meist nicht. Alle aus Syrien, Afghanistan u a. schreiben von rechts nach links. Es kommt deshalb vor, dass dann drei Tabletten auf einmal genommen werden. Als Beschriftung sind sie gewohnt „1-1-1“. Das ist eindeutig. Erklärungsbedürftig sind neben Dosieraerosolen, Schmerzpflastern u. a. auch so einfache AM wie Lutschtabletten,  Zäpfchen (ungewohnt), Kautabletten, Paracetamolsirup, oder dass Nasentropfen nur für eine Person und nicht für die ganze Familie  gedacht sind.

 

Es macht eventuell auch Sinn den Arztpraxen  Einnahmehinweise und auch Anamnesebögen in Urdu, Arabisch, Tigrinya, Farsi, Dari, Pashto u. a. zur Verfügung zu stellen. Viele Arztpraxen haben aber dieses Infomaterial bereits.

 

All diese Hilfen ersetzen aber nicht die notwendige Bereitschaft sich Gedanken zu machen über die für uns so fremden Verhaltensweisen und sie gegebenenfalls zu akzeptieren. Gelatine aus Schweinekollagen ist nun mal für viele strenggläubige Moslems nicht akzeptabel. Alkoholhaltige Arzneimittel werden oft abgelehnt. Strenges Fasten während des Ramadans kann ebenfalls zu Problemen führen.

 

Und bitte stört euch nicht an Kopftüchern! Klosterschwestern im Ordenskleid stören uns ja auch nicht. Es fällt diesen Frauen unendlich schwer, ohne Kopftuch aus dem Haus zu gehen.(Ich gehe ja auch nicht in einem kleinen Dorf in Afrika oben ohne, nur weil es alle machen.)

 

Dass ein arabisch geprägter Mann  es als absolut ungehörig findet, einer Frau die Hand zu geben, sollten wir auch akzeptieren. Es ist keine Missachtung, es wäre respektlos.

Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen sind ein höchst spannendes Thema. Die Beschäftigung damit lohnt sich.

 

Lokale Einrichtungen

 

Helfen können wir  auch ehrenamtlich in lokalen Flüchtlingshilfen. Es gibt viele Möglichkeiten,  abhängig von der Zeit, die man erübrigen kann. Der wichtigste Bereich wäre die Begleitung der Flüchtlinge zum Arzt, zum Krankenhaus oder die Bestellung von Krankenscheinen, ein idealer Job für alle Kollegen und Kolleginnen im Ruhestand. Unabhängig von unseren Fachkenntnissen sind Sprachkurse gefragt sowie Nachhilfe für die Schulkinder, Kontakte zu den Schulen, zur Gemeinde,  u. v. a. Es braucht ein wenig Mut auf die Flüchtlinge zu zugehen. Aber nach kurzer Zeit kann sich daraus eine Beziehung ergeben, die allen Beteiligten Spaß macht und zur Verständigung beiträgt.

 

Bedarf der Lager

 

Die dritte Möglichkeit ist die direkte Versorgung der Flüchtlingslager mit Arzneimitteln. Es gibt zur Zeit Notaufnahmelager für nicht registrierte Flüchtlinge, Erstaufnahmelager zur Registrierung und Unterkünfte  für bereits registrierte Flüchtlinge in den einzelnen Gemeinden und Städten in vielen verschiedenen Varianten (kleine Wohnungen dezentral oder große Wohneinheiten). Die medizinische Versorgung für die registrierten Flüchtlinge wird durch die zugehörigen Gemeinden und Landratsämter organisiert. Eine  Gesundheitskarte gibt es bisher nur in Hamburg und Bremen. In allen anderen Ländern arbeiten die Behörden daran diese Karte einzuführen.

 

Ein großes Problem ist die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in den Not- und Erstaufnahmelagern. Die Flüchtlinge haben strapaziöse Wochen hinter sich. Ihr Gesundheitszustand ist dementsprechend oft sehr schlecht. Erkältungskrankheiten sind dabei das kleinere Problem.

Die Menschen sind unterschiedlich lange in diesen Übergangslagern. Sie müssen medizinisch versorgt werden.

 

Leider  gibt es kein einheitliches Modell für diese Notversorgung. Viele freiwillige Ärzte helfen hier mit. Meist können  sie dabei auf ein kleines Lager mit den wichtigsten Arzneimitteln zugreifen. Wer für die Kosten dafür aufkommt,  ist unterschiedlich geregelt.

 

Die Logistik, die Verwaltung und der Aufbau eines Lagers erfordern eine Menge Know-how,  eine  ideale Gelegenheit unser Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen.

 

Welche AM in dieses Lager gehören,  welche Arzneimittel ungeeignet sind u. v. m., das muss vorab mit dem Gesundheitsamt , den Ärzten und Pharmazeuten  besprochen werden. Hilfreich ist es, wenn Erfahrungen mit sog. Essential-Drug- Listen der WHO vorhanden sind. Mitglieder von Apotheker ohne Grenzen haben sich deshalb auf Grund ihrer Erfahrungen in Notfalleinsätzen in der ganzen Welt zur Verfügung gestellt und  bereits  in vier Städten (Hamburg, Berlin, Darm­stadt und Rostock) an dem Aufbau eines sinnvollen Arzneimittellagers  für diese Notlager mitgeholfen.

 

Es lässt sich nicht vorhersagen, wie sich die Versorgung der Flüchtlinge mit Arzneimitteln weiter entwickeln wird. In jedem Fall wird dieses Thema für uns und für unsere Standespolitik  wichtig bleiben.

 

 

Wir müssen helfen.

 

Christl Trischler

 

 

Erschienen im VdPP Rundbrief 94

 

 

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

 

24.-25. Juni 2017, Wernigerode

VdPP-Mitgliederversammlung

"Apotheke der Zukunft"

World Café am Samstag, 24.06 von 14-17.30 Uhr

Anmeldung unter: http://www.vdpp.de/termine/mv-2017/

 

 

15. -17. September 2017, Berlin

MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

https://www.mezis.de/events/10-jahre-mezis-internationales-no-free-lunch-treffen/