Die Pharma-Industrie, die Dritte Welt, die BUKO Pharma-Kampagne – und ein lesenswertes Buch

Eine Buchbesprechung (und ein wenig mehr)

John LeCarre; "Der ewige Gärtner";

Roman, 558 S.; List Verlag 2001; ISBN 3-471-78078-5

 

Frühjahr 2001

von Udo Ament

 

"Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

 

So fängt Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" an. So könnte auch der neue Roman des britischen Erfolgsautors anfangen. Man müsste nur das Wort "journalistisch" streichen und die Praktiken der "Bild-Zeitung" durch die Praktiken "realer Pharma-Konzerne in der Dritten Welt" ersetzen. Es gibt Parallelen zwischen den beiden Büchern.

 

Bei beiden handelt es sich um Romane - Thriller -, in denen ein mysteriöser Mordfall aufgearbeitet und der Hintergrund, vor dem sich der Mord ereignet hat, in grelles Licht getaucht wird. Während Böll 1976 sofort medias in res ging und mit lediglich 122 Seiten auskam, ist John LeCarres Roman episch breit angelegt und verspricht viele Stunden spannender Unterhaltung zu bieten. Abgesehen von ein paar Längen im ersten Drittel des Buches, in denen geschwätzige Belanglosigkeit herrscht (wobei der Autor gleichwohl nie in jenen aufdringlichen Plauderton verfällt, den ich bei dem Buch von Böll immer als unangemessen und nervig empfand) und die Geschichte sich quälend langsam weiter entwickelt, wird das Versprechen gehalten. Tatsächlich sind in "Der ewige Gärtner" gleich zwei Romane in einen einzigen verwoben.

 

 

Zur Story

 

Die junge Tessa Quayle, Ehefrau eines Beamten des britischen Hochkommissariats in Nairobi, Kenia, kehrt von einem Ausflug nicht zurück. Sie wird ermordet in der Wildnis aufgefunden, ihr Begleiter, ein afrikanischer Arzt, bleibt spurlos verschwunden. Ihr Ehemann Justin gibt sich mit der nahe liegenden Erklärung - Mord aus Eifersucht, begangen durch ihren heimlichen Geliebten, den Arzt - nicht zufrieden. Auf eigene Faust beginnt er zu recherchieren.

 

Die Suche nach der Wahrheit lässt Justin Quayle über den halben Erdball reisen, und dabei macht er mehrere überraschende Entdeckungen. Einerseits muss er, dessen bisheriges Leben durch den Büroalltag und sein Hobby, das Gewächshaus mit den geliebten Pflanzen ausgefüllt war, erkennen, dass er vor lauter Karrieredenken und Gärtnerei versäumt hatte, die Frau, mit der er verheiratet war, jemals wirklich kennen zu lernen. Ihr soziales Engagement, das in so merkwürdigem Gegensatz zu ihrer Stellung in der Oberschicht Nairobis stand, hatte ihn eigentlich gar nicht interessiert. Erst nach dem Tode seiner Frau lernt er die bisher verborgen gebliebenen Facetten der faszinierenden Persönlichkeit dieser Kämpferin für mehr Menschlichkeit kennen. Schließlich liebt Justin die tote Tessa mehr als er die lebende jemals hatte lieben können, und eine zuvor ungekannte Sehnsucht erfasst ihn. Das ist der eine Roman.

 

 

Der Andere

 

Zunächst ist da eine junge Frau aus irgendeinem Dorf im Busch, die in Nairobi im Krankenhaus liegt und trotz des Einsatzes eines brandneuen Medikamentes stirbt. Als sie tot ist, ist es, als hätte sie nie existiert, die Krankenakte fehlt, und niemand kann sich an sie erinnern - niemand außer Tessa. Dann stößt Justin bei seinen Bemühungen um Aufklärung auf ungeahnte Widerstände, je mehr Fakten er herausfindet, desto stärker: vom vagen Gefühl, ständig gegen eine Gummiwand zu laufen, über verdeckte und offene Sabotage bis hin zu nackter, brutaler Gewalt. Alle Menschen, denen er bisher vertraute, geben vor, ihm helfen zu wollen, statt dessen jedoch behindern sie ihn nach Kräften, denn sie verfolgen handfeste Eigeninteressen. Immer scheint der unbekannte Gegner genauestens zu wissen, wo Justin ist und was er gerade tut - untrügliche Beweise, dass er auf der richtigen Fährte ist.

 

Schließlich fügt sich das Puzzle zusammen, der Skandal offenbart sich in seinem ganzen schockierenden Ausmaß. Das sensationelle neue Mittel gegen Tuberkulose, das der armen Bevölkerung des schwarzen Kontinentes unter dem Deckmantel scheinbar selbstloser Nächstenliebe zur Verfügung gestellt worden ist, hat tödliche Nebenwirkungen. Wenn das neue Therapieprinzip eines Tages optimiert und risikoarm sein wird, wird es den Menschen in Afrika nicht mehr zur Verfügung stehen, weil es für sie viel zu teuer ist. Ohne jemals von den Forschungsergebnissen selbst profitieren zu dürfen, dient die arme Bevölkerung Afrikas als Versuchskaninchen für die reichen Industrieländer. Dort gibt es zwar noch wirksame Mittel, um TBC zu behandeln, doch die sich ständig verschärfende Resistenzsituation lässt befürchten, dass die alte Seuche wieder aufleben könnte. Und das Ganze war von Anfang an so geplant.


Für TBC lese man AIDS, und die Fiktion wird zur Realität. Ähnlichkeiten mit den Praktiken realer Pharmakonzerne sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

 

 

Bestechende Aktualität

 

Was besticht, ist die ungeheure Aktualität dieser Geschichte. Als ich das Buch in der Buchhandlung im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe fand, war ich auf dem Rückweg vom Interpharm-Kongress in Hamburg. Dort wurde unter dem Stichwort "Die Rückkehr der Seuchen" die - wenig Hoffnung erweckende - Aussicht auf die Möglichkeit eröffnet, mit modernen Antibiotika in Zukunft noch die altbekannten Krankheitserreger wirksam bekämpfen zu können, wobei die allerneuesten epidemiologischen Daten vorgestellt wurden.

 

John LeCarre prangert an, dass die Pharmaindustrie absolut nichts tut, um die medikamentösen Bedürfnisse der breiten Masse der Menschen in der Dritten Welt zu befriedigen - sei es der Kampf gegen AIDS, Malaria, Tuberkulose oder auch nur ganz banale Durchfälle bei Kleinkindern. Statt dessen werden auch dort mit riesigem Werbeaufwand Mittel wie Viagra, Propecia, Meridia auf den Markt gepusht für die wenigen Reichen, die gesteigerte Wellness mit viel Geld bezahlen wollen. Dagegen reicht das durchschnittliche Vermögen einer ganzen Sippe beispielsweise in Uganda gerade aus, um die Medikation eines an AIDS erkrankten Angehörigen einen Monat lang zu finanzieren. Angesichts des wahrhaft riesigen Marktes für AIDS-Medikamente - ich rede hier von vielen Millionen PatientInnen - könnten diese Medikamente spottbillig sein, wenn nur die Pharmaindustrie sich die Mühe machen würde, alle Menschen weitweit, die sie benötigen, zu versorgen. Es muss uns als PharmazeutInnen befremden, dass gerade in der Branche, von der die meisten von uns abhängig sind, die Logik kapitalistischen Handelns sich in der menschenverachtendsten Form auswirkt, die überhaupt vorstellbar erscheint.

 

 

Der Prozess

 

Mit Spannung erwarte ich auch das Ergebnis des Prozesses, den 39 Pharmafirmen gegen die Regierung Südafrikas angestrengt haben. Diese hatte angekündigt, ein schon länger existierendes Gesetz erstmals anwenden zu wollen, welches vorsieht, dass die zuständigen Behörden ermächtigt werden können, den Patentschutz für Medikamente außer Kraft zu setzen, falls ein nationaler Notstand vorliegt. Bei 4,7 Millionen AIDS-Infizierten im Lande, was 11% der Bevölkerung entspricht, sieht Südafrika einen solchen Notstand als gegeben an.

 

Last not least: Im Zuge seiner Recherchen kommt John LeCarres Romanheld ganz in die Nähe des VDPP, nach Deutschland, nach Bielefeld, wo eine der Pharmaindustrie kritisch gegenüberstehende Organisation namens "Hippo" ihr Büro hat nicht zu verwechseln mit unseren Freunden von der BUKO Pharma-Kampagne, ebenfalls Bielefeld. Nicht zu verwechseln, oder doch?

 

Im Nachwort zu seinem Buch beschreibt LeCarre die BUKO Pharma-Kampagne als eine "finanziell unabhängige, personell unterbesetzte Vereinigung vernünftiger, hoch qualifizierter Menschen, deren Ziel es ist, die Missetaten der pharmazeutischen Industrie, insbesondere deren Geschäfte mit der Dritten Welt, ans Licht zu zerren", und er ruft die LeserInnen auf, ein paar Mark an BUKO zu spenden und das in weltweiter Auflage! Wie hat BUKO das geschafft? Vielleicht gibt die BUKO Pharma-Kampagne, sollte sie dank dieses sensationellen Coups eines Tages im Geld schwimmen, dem VDPP etwas ab? Schließlich haben wir denen auch schon geholfen. Bis dahin bleibt festzustellen: Wenn es der BUKO Pharma-Kampagne gelungen ist, jemanden wie John LeCarre für ihre Arbeit zu begeistern, kann man sie dafür nur beglückwünschen.

 

 

Nachtrag

 

Die 39 Firmen haben die Klage gegen Südafrika zurückgezogen und sich bereit erklärt, die benötigten AIDS-Medikamente zu einem für die Bevölkerung erschwinglichen Preis nun selbst zur Verfügung zu stellen. Wie dieser Kompromiss zu bewerten ist, bleibt abzuwarten. Als moralischer Sieger jedenfalls darf sich die Regierung Südafrikas fühlen, und vielleicht hat John LeCarre mit Hilfe des Buches, über das ich hier schreibe, seinen Teil dazu beigetragen, dass die Pharmakonzerne sich genötigt sahen, im Fokus weltweiter Öffentlichkeit diese faktische Niederlage zu akzeptieren. Der Vorgang dürfte Signalwirkung haben. Aller Augen richtet sich nun auf Brasilien. Auch dieses Land ist massiv von AIDS geplagt, und auch dort gibt es Gesetze zur Zwangslizenzierung patentgeschützter Arzneimittel. Und immerhin ist Brasilien der fünftgrößte nationale Markt weltweit.

 

 

Abgedruckt im Rundbrief 53

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MEZIS, 10 Jahre MEZIS, Internationales No Free Lunch Treffen

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