Wenn es den VdPP nicht gäbe ... 

Überlegungen von Ingeborg Simon  zum Thema: Brauchen wir den Verein heutzutage noch?

 

 

August 2015

 

von Ingeborg Simon

 

 

Hinter uns liegt die Mitgliederver­samm­lung (MV) 2015 in Berlin, die mit einer Debatte zum Freihandelsabkommen TTIP (Trans­at­lan­ti­sche Handels- und Inves­ti­tions­part­ner­schaft) begann. Die geladenen ReferentInnen waren kompetent und aktuell informiert. Die Beteiligung und die  Resonanz der Anwesenden waren sehr positiv.

 

Wieder einmal konnten wir mit einem Thema, das uns seit der MV in 2014 beschäftigte und in zwei ausführlichen Artikeln in unserem Rundbrief seinen Niederschlag fand, Teile der Öffentlichkeit sensibilisieren. 

 

Unser letztes Herbstseminar beschäftigte sich auf Veranstaltungen in Berlin und Hamburg mit Fragen der evidenzbasierten Beratung in der Selbstmedikation.

 

Auch dieses Thema steht seit geraumer Zeit auf unserer Agenda und wir werden es weiter verfolgen (müssen). Mit Unterstützung von KollegInnen der Berliner Apotheker-kammer konnten wir zum Apothekertag 2014 dazu einen Antrag einbringen, der nach heftiger kontroverser Debatte unter den Delegierten mehrheitlich angenommen wurde.

 

Ein drittes Thema des VdPP betrifft unsere Stellungnahme zum Diskussionsprozess über das Perspektivpapier „Apotheke 2030“ vom März 2014. Wir forderten eine Definition des eigenen Anspruchs der Apothekerschaft an sich selbst, die Benennung des bestehenden Wider­spruchs zwischen Ethik und Monetik und den Umgang damit im Interesse des Gemeinwohls. Wir wollen die Einbeziehung der Patienten als Partner, eine Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und Verbraucherschutzorganisationen, die Weiterentwicklung der evidenzbasierten Pharmazie mit dem Schwerpunkt Selbstmedikation, eine arbeitsteilige Kooperation mit ÄrztInnen und Pflege-personal, die Erhöhung der sozialen Kompetenz als niedrigschwellige wohnortnahe Dienst­leister auch in Bündnissen mit lokalen Public-Health-Netz­wer­ken.

 

Nichts davon findet sich auch nur ansatzweise im Perspektivpapier „Apotheke 2030“ wieder. Selbstmedikation kommt im Text als Begriff einmal vor, die Ärzte als Netzwerkpartner werden überhaupt nicht erwähnt als gäbe es ARMIN und andere Modellversuche nicht. In den sieben Handlungsfeldern sucht man vergeblich nach Hinweisen auf Patienten, Selbstmedikation oder Ärzte.

 

Gehen aktuelle Themen wie TTIP, evidenzbasierte Beratung in der Selbstmedikation und Kritik an „Apotheke 2030“ so sehr an den Realitäten des Berufsalltags vorbei, dass sie für die offizielle Standes­politik keine Relevanz haben?

 

TTIP mit seinen tiefgreifenden Aus-wirkungen auf ein weithin privat-wirtschaftlich organisiertes Apothekenwesen wird bis heute von der ABDA offiziell d. h. erkennbar mit eigenen Positionen und nachlesbar in der PZ nicht thematisiert. Die ABDA hat sich im Mai 2015 in einer gemeinsamen Stellungnahme aller Heilberufe besorgt zu TTIP geäußert. Die Ärzte-Zeitung hat den Wortlaut im Gegensatz zur PZ dokumentiert und es wird deutlich, dass allgemein von medizinischen und gesundheitlichen Belangen der Ärzteschaft die Rede ist, die offenbar Initiatorin dieser Erklärung war. Auf Arzneimittel wird nicht direkt Bezug genommen. Die Apotheken kommen nur einmal am Rande vor in einer Aufzählung mit (Zahn-)Arztpraxen und MVZ.

 

Der Thüringer Apothekertag hat im Juni 2015 unter der Fragestellung „TTIP Fluch oder Segen für den Mittelstand?“ für Diskussion und Information gesorgt. Die Volks-wirtschaftlerin der Hochschule Bremen Professorin Mechthild Schrooten stellte fest, dass es kein gesichertes Wissen über TTIP gibt, dass die Auswirkungen für den Mittelstand unklar sind und alle nicht exportorientierten Branchen unter Druck geraten werden, weil Marktpartner von außen hinzukommen. Sie warnte vor erheblichen Folgen für den Gesundheitssektor und verwies dabei auf Regelungen wie das Fremd- und Mehrbesitzverbot, die Gefahrstoffverordnung oder die Vorgaben zur beruflichen Qualifikation der Heilberufe, die als Handelshemmnisse eingestuft werden könnten. An die ApothekerInnen gerichtet schloss sie ihren Beitrag mit den Worten: „Vorteile haben Sie nicht zu erwarten.“

 

Über die VdPP-Veranstaltung zu TTIP am 20.6.15 in Berlin wurde in der PZ berichtet. In Ihrem Editorial empfahl die Ressortleiterin Medizin, Christina Hohmann-Jeddi, dem Berufsstand angesichts dessen, was bei TTIP auf dem Spiel steht, „die Verhandlungen zu TTIP weiter aufmerksam zu verfolgen“. Immerhin!

 

Unser Antrag zum Apothekertag 2014 „Evidenzbasierte Beratung in der Selbstmedikation fördern“ war das Ergebnis ausführlicher Debatten im VdPP mit Unterstützung kompetenter Expertinnen. Wir sind der Auffassung, dass die Beratung bei der Selbstmedikation eine der Kernaufgaben des Apothekers / der Apothekerin ist. Die regelmäßig veröffentlichten „Bestsellerlisten“ zur Selbstmedikation machen deutlich, dass hier bis heute vieles im Argen liegt. Auch die im § 64 a SGB V eingeräumte Möglichkeit, die Arzneimitteltherapiesicherheit durch die Kooperation von ÄrztInnen und ApothekerInnen für ein gemeinsames Medikationsmanagement zu verbessern, unterstreicht noch mal die Anforderung an uns als Allein­verantwortliche für die Versorgungs­qualität bei der Selbstmedikation, uns evidenzbasiert, d. h. auf der Basis wissenschaftlicher Expertise zu beteiligen. Hier liegt der originäre Auftrag für unsere Apotheken, zumal der Umfang der Selbstmedikation und damit auch ihre Risiken für die VerbraucherInnen jährlich zunehmen. Statt das Alleinstellungsmerkmal „Selbstmedikation“ im Sinne des angenommenen Antrags auf dem Apothekertag zu qualifizieren auch für Medikationsanalyse und -manage­ment leistet sich der Berufsstand mit den ÄrztInnen Auseinandersetzungen über Deutungshoheiten und Vorrangsrechte bei der Aufstellung des Medikationsplanes. Diese können die Apotheken nur verlieren und damit auch die angestrebte Gemeinschaft in einem gemeinsamen heilberuflichen Netzwerk gefährden.

 

Das Perspektivpapier „Apotheke 2030“ taugt nach unserer Einschätzung nicht dazu, ein trag­fähiges und nachhaltiges Programm für die Aufgaben der Apotheken bis 2030 abzusichern. Schwerwiegende strukturelle Veränderungen, die aufgrund der demografischen Entwicklung, der fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen, verschärfter Wett­­be­werbs­bedingungen im Dienstleistungssektor um nur weniges zu nennen mit Sicherheit kommen werden und zwar in naher Zukunft, spielen im Perspektivpapier und seinen sieben Handlungsfeldern keine Rolle. Hier geht es nur um Besitzstandswahrung und den Erhalt der „heilen Welt“ der Apotheke, die es schon längst nicht mehr gibt. Damit kann man die Zukunft nicht gestalten!

 

Der Kommentar des ABDA-Haupt­ge­schäftsführers Dr. Schmitz in einem Interview zu seinen Erwartungen an das Perspektivpapier bestätigt für mich in grotesker Weise, mit welch geringem Anspruch an die eigene Verantwortung die ABDA ihre angestrebte „reale Vision“ verfolgt: „Im Jahr 2030 werde ich wohl Rentner sein. Vielleicht muss ich eine ganze Reihe unterschiedlicher Medikamente einnehmen. Dann würde ich mich freuen, wenn die Apothekerin oder der Apotheker mit mir das Gespräch über meine Arzneimitteltherapie sucht, sich in schwierigen Fällen hierfür auch viel Zeit nehmen kann, die heute aufgrund der Rahmenbedingungen oft fehlt, und ich die Apotheke mit mehr Gewissheit über die Richtigkeit meiner Arzneimittelversorgung verlasse, als ich sie betreten habe."

 

An diesen drei Beispielen sollten hier unsere Arbeit und das Engagement des VdPP in letzter Zeit dargestellt werden. Natürlich sind unsere personellen und finanziellen Kapazitäten begrenzt. Um in der Apotheken- und Gesundheitspolitik immer möglichst aktuell und kompetent reagieren zu können, könnten wir noch mehr MitstreiterInnen gebrauchen! Die Arbeit lohnt sich in jedem Fall, denn wir sind zuversichtlich, dass wir über unsere fachliche und gesellschaftliche Arbeit des VdPP auch in diversen Bündnissen eine streitbare Gegenöffentlichkeit im Sinne unseres Vereinsprogramms wirkungsvoll vertreten. Es ist immer wieder ein gutes Gefühl zu erleben, wie wir im Verein aktuelle Themen kritisch und solidarisch diskutieren, um letztendlich zu einvernehmlichen Positionen zu gelangen. Unser Programm ist dabei eine gute Orientierungshilfe .

 

Wir können sehr zufrieden sein, dass wir auch eine Reihe von Mitgliedern haben, die zwar nicht häufig an unseren Veranstaltungen teilnehmen (können), aber mit ihrer Mitgliedschaft, die bei einigen schon seit der Gründung des VdPP besteht, belegen, dass ihnen unsere Vereinsarbeit politisch wichtig und unter-stützenswert ist.

 

Wenn es den VdPP nicht gäbe, heißt es in der Überschrift zu diesem Beitrag. Ja, wenn es ihn nicht gäbe, dann müsste er dringend erfunden werden!

 

 

 

Erschienen im VdPP Rundbrief 93

 

 

http://www.vdpp.de

 

 

TERMINANKÜNDIGUNG

 

16. Oktober, Berlin

Regionalgruppentreffen

um 19.30h in Schöneberg

 

9. November, Berlin

VdPP-Herbstseminar

 

"Apotheke der Zukunft - wohin soll es gehen? Über neue Wege der Honorierung"

 

Anmeldung zum Seminar:

 

http://www.vdpp.de/termine/herbstseminar-2017/